Die drei Freundinnen haben ihren Picknickplatz nicht zufällig ausgewählt. "Das Leben geht weiter. Das Risiko, bei einem Arbeitsunfall ums Leben zu kommen, ist größer", sagt Brigitte. Die beiden anderen, Céline und Charlotte, nicken zustimmend und bedienen sich vom Essen auf dem gedeckten Klapptisch, den sie auf den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen des Pariser Boulevard Voltaire gestellt haben. Direkt gegenüber, keine zwei Meter entfernt, sind in einen Gedenkstein die Namen der 90 Menschen gemeißelt, die hier im November 2015 beim Terroranschlag auf den Konzertsaal Bataclan getötet wurden. Ein paar Plüschtiere und Blumensträuße vertrocknen auf dem Boden davor in der Frühlingssonne.

Einer der mutmaßlichen Attentäter von damals, der einzig Überlebende, wurde am heutigen Montag in Brüssel wegen versuchten Mordes verurteilt, weil er auf der Flucht in Belgien auf Polizisten geschossen hatte. Über die Anschläge in Paris hat das belgische Gericht nicht geurteilt. Einige Angehörige der Opfer in Paris waren dennoch schon zu Prozessbeginn im Februar angereist. Sie hatten Salah Abdeslams Schweigen, seine Ablehnung des Gerichts und seine Worte, er vertraue nur auf Allahs Urteil, als weiteren Akt der Gewalt empfunden. 

Wer nicht unmittelbar betroffen ist, keine Freunde oder Familienmitglieder verloren hat, versucht das Geschehene ähnlich wie Brigitte, Céline und Charlotte auszublenden. Auch die Gefahr, dass jederzeit wieder etwas passieren kann.

"Wir drehen den Fanatikern eine lange Nase", sagt Philippe, während er sein Fahrrad vor dem asiatischen Restaurant Le Petit Cambodge in der Rue Alibert abschließt. "Die wünschen sich doch nur, dass wir uns vor lauter Angst nicht mehr auf die Straße trauen. Von wegen: Das Wetter ist schön, also gehen wir nach draußen und haben Spaß." Sagt's und macht sich auf die Suche nach seinen Bekannten, die einen der begehrten Restauranttische auf dem Bürgersteig ergattert haben. Genau dort, wo ein zweites Terrorkommando im November 2015 das Feuer auf die Gäste eröffnete.

Seit Le Petit Cambodge auch mittags geöffnet hat, wird jeder frei werdende Platz im Nu erneut belegt. Die Mitarbeiter tischen bis kurz vor Mitternacht Frühlingsrollen, Hühnercurry, karamellisiertes Schweinefleisch und Bo Bun auf. Auch nebenan, vor dem Le Carillon, drängen sich die Leute, als wären in dieser Straße nicht ebenfalls 13 Menschen gestorben. Eine Gedenktafel auf der anderen Straßenseite erinnert auch hier an die Schreckensnacht.

Wie tief der Schmerz sitzt, kriegt man erst zu spüren, wenn man die fragt, die den Anschlag überlebten und hier nun wieder täglich arbeiten. "Ich rede nicht mit Journalisten", blafft einer der Besitzer des Le Petit Cambodge. Bloß nicht an die schlecht verheilten Wunden rühren. Ali Amokrane, dessen aus der Kabylei in Algerien stammende Familie seit mehr als 40 Jahren das Le Carillon betreibt, hat in einem Interview gesagt, er habe nun selbst mit Vorurteilen zu kämpfen. "Die Leute begegnen Muslimen und solchen, die sie dafür halten, mit Misstrauen. Also auch mir. Sie schauen dich plötzlich mit anderen Augen an. Die Wahrscheinlichkeit, von der Polizei aufgehalten und kontrolliert zu werden, ist größer geworden."