Das Forschungszentrum des britischen Verteidigungsministeriums hat nach eigenen Angaben "keine präzise Quelle" für das Gift gefunden, mit dem der russische Ex-Agent Sergej Skripal angegriffen wurde. Die Wissenschaftler hätten aber festgestellt, dass es sich um die chemische Verbindung Nowitschok gehandelt habe, ein zur militärischen Verwendung gedachtes Nervengift, sagte der Chef des zuständigen Porton Down Labors, Gary Aitkenhead, dem Sender Sky News.

Die wissenschaftlichen Informationen seien an die britische Regierung gegangen, die dann mithilfe anderer Hinweise – darunter auch Geheimdienstinformationen – ihre Rückschlüsse gezogen habe, sagte Aitkenhead weiter. Die gefundene Substanz sei sehr kompliziert herzustellen, das könne wahrscheinlich nur mit den "Kapazitäten eines staatlichen Akteurs" geschehen.

Die britische Regierung von Theresa May vermutet Russland hinter dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter Julija. Die beiden waren am 4. März im südenglischen Salisbury bewusstlos aufgefunden worden. Die Polizei vermutet, dass die beiden an der Eingangstür von Skripals Haus mit dem Nervengift in Berührung kamen. Dort sei die höchste Konzentration des Giftes festgestellt worden.

Unabhängige Experten der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) untersuchen das Gift ebenfalls. Am Mittwoch wird sich außerdem der OPCW-Exekutivrat in einer Sondersitzung in Den Haag mit dem Fall Skripal beschäftigen. Russland hatte die Sondersitzung des Leitungsgremiums der OPCW beantragt. Das britische Außenministerium spricht von einer russischen Ablenkungstaktik, um die OPCW-Ermittlungen zu dem Giftanschlag zu untergraben.

Russland lenkt Verdacht auf Großbritannien

Russland bestreitet, etwas mit dem Fall zu tun zu haben. Außenminister Sergej Lawrow sagte zu Beginn der Woche, Russland habe kein Motiv für den Angriff. Großbritannien und den USA warf er vor, "Lügen und Desinformation" zu verbreiten. Zeitgleich mutmaßte er, britische Geheimdienstbehörden könnten etwas mit der Vergiftung zu tun haben. Der Fall habe geholfen, öffentliche Aufmerksamkeit von den schwierigen Brexit-Verhandlungen der britischen Regierung abzulenken, sagte Lawrow.

Das Labor Porton Down, in dem das Gift untersucht worden war, liegt in der Nähe von Salisbury. Russland sieht darin einen Anhaltspunkt dafür, dass die britischen Behörden in den Fall Skripal involviert sein könnten. Der Institutschef Aitkenhead wollte sich gegenüber Sky News nicht dazu äußern, ob in seinem Labor Einheiten des Gifts Nowitschok lagerten oder noch lagern. Es sei jedoch ausgeschlossen, dass Skripal mit einem Gift in Berührung gekommen sei, das aus Porton Down stammte, sagte Aitkenhead. 

Sein Labor stehe in Kontakt mit dem Krankenhaus, in dem die Skripals behandelt werden, sagte Aitkenhead weiter. Man habe sich mit den Ärzten beraten, jedoch gebe es für Nowitschok kein einfaches Gegenmittel.

Die britische Regierungschefin May hatte die EU-Staats- und Regierungschefs vor Kurzem darüber informiert, was die britischen Behörden über den Fall Skripal wissen. Vergangene Woche hatten sich dann zahlreiche EU-Staaten, die USA und auch Kanada solidarisch mit Großbritannien gezeigt und russische Diplomaten des Landes verwiesen. Russland reagierte seinerseits mit der Ausweisung von Diplomaten.