Im Zusammenhang mit der Mission der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) im syrischen Duma ist auf UN-Mitarbeiter geschossen worden. Bei dem Zwischenfall am Dienstag sei auch ein Sprengsatz detoniert, teilte der Generaldirektor der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW), Ahmet Üzümcü, mit. Das UN-Team sollte die Lage in der Stadt erkunden, bevor Experten der OPCW ihre Untersuchung eines möglichen Giftgasangriffs aufnehmen.

"Zurzeit wissen wir nicht, wann das Expertenteam nach Duma geschickt werden kann", sagte Üzümcü. Dies werde er auch erst in Erwägung ziehen, wenn aus Sicht der UN die Sicherheit gewährleistet sei und das OPCW-Team "ungehinderten Zugang" zum mutmaßlichen Angriffsort bekomme. 

Für den Giftgasangriff auf die damals noch von Rebellen kontrollierte Stadt machen mehrere Staaten die syrische Regierung um Baschar al-Assad verantwortlich. Syrien und sein Verbündeter Russland weisen das zurück.

Die OPCW-Experten stehen unter enormem Zeitdruck, um Spuren zu sichern. Eigentlich sollten sie damit spätestens am Mittwoch beginnen.

Ist in Duma Giftgas eingesetzt worden?

Augenzeugen zufolge wurde die Stadt Duma am 7. April mehrmals bombardiert. Der folgenschwerste Angriff ereignete sich demnach gegen etwa 19.30 Uhr Ortszeit nahe dem sogenannten Märtyrerplatz. Danach tauchten in sozialen Medien Bilder und Filme von Opfern auf, die Anzeichen von einem Giftgasangriff hatten – etwa weißen Schaum vor Mund oder Nase.

Die Rettungsorganisation Weißhelme schrieb auf Twitter, eine Fassbombe mit einem "chemischen Mittel" sei abgeworfen worden, Dutzende Menschen seien ums Leben gekommen. Ein Fotograf berichtete aus Duma, er habe im Erdgeschoss eines Gebäudes 25 bis 30 Tote gesehen. "Wir sahen Schaum, der aus ihrem Mund kam. Alle ihre Augen waren geöffnet. Es war schrecklich." Er selbst habe danach an Atemproblemen gelitten.

Auch die auf investigative Recherche spezialisierte Website Bellingcat kommt zu dem Schluss, es sei Giftgas eingesetzt worden. Dafür wertete sie Bilder, Videos und Augenzeugenberichte aus. Demnach gab es die meisten Opfer in einem einzigen Gebäude.

Wie viele Tote gab es?

Zur genauen Zahl gibt es unterschiedliche Angaben. Die Weißhelme berichteten zunächst von mehr als 150, mussten dann aber einen Fehler einräumen und korrigierten die Zahl auf inzwischen 43. Die Vereinten Nationen sprechen unter Berufung auf Berichte von mutmaßlich 49 Getöteten. Bellingcat kommt nach Auswertung von Bildern auf mindestens 34 Tote.

Welches Giftgas könnte in Duma eingesetzt worden sein?

Wie andere Augenzeugen berichtete auch ein Sanitäter, der von der deutschen Hilfsorganisation Adopt a Revolution zitiert wurde, von starkem Geruch nach Chlor: "Woher wir wussten, dass es Chlorgas ist? Zunächst mal am Geruch, wir kennen diesen Geruch inzwischen." Die Rechercheure von Bellingcat werteten Bilder aus, auf denen zwei gelbe Gaszylinder zu sehen sind. Einer soll auf dem Dach des Gebäudes gefilmt worden sein, in dem es viele Opfer gab. Derartige gelbe Gaszylinder seien in Syrien schon bei früheren Angriffen mit Chlorgas eingesetzt worden, schreibt Bellingcat.

Demgegenüber berichtete ein Arzt der Organisation Violations Documentation Center in Syria (VDC), er habe bei Patienten Symptome gesehen, die nicht denen bei einem Angriff mit Chlor, sondern mit einem Nervengas wie Sarin ähnelten. Auch der deutsche Chemiker Ralf Trapp, Experte der OPCW, sagte der Nachrichtenagentur dpa, Fotos von Opfern deuteten darauf hin, dass in Duma Saringas eingesetzt worden sein könnte.

Was ist jetzt überhaupt noch zu finden?

Dem Experten Trapp zufolge könnten die OPCW-Inspekteure durchaus noch Spuren finden. Voraussetzung ist, dass sie Zugang zu der Stelle erhalten, an der die Bombe explodiert sein soll, und dass sie auch Zeugen und Opfer befragen dürfen. Aufschluss gäben dann Bombensplitter oder Kanister, also "Waffenreste mit Spuren des chemischen Kampfstoffes".

Wichtig ist demnach auch die medizinische Untersuchung mutmaßlicher Opfer, die eventuell noch Symptome einer Vergiftung zeigen. Sarin etwa sei in Blut- und Bodenproben "noch nach Wochen nachweisbar", sagt Trapp. Im Fall von Chlorgas würde sich das Gas selbst zwar schnell verflüchtigen, hinterlasse aber in Umwelt und auch Organen ebenfalls Spuren. "Wenn es Chlorgas war, dann findet man auch eine chemische Signatur", sagt der Chemiker.

Können solche Spuren beseitigt worden sein?

Zumindest Trapp glaubt dies nicht. "Es ist nicht so einfach, Spuren zu beseitigen und Gebäude zu entgiften." Außerdem sind da auch noch die Zeugen und Ärzte, die den Ermittlern wertvolle Hinweise geben können.

Frankreich, Großbritannien und die USA – diese drei Staaten hatten auch die Militärangriffe als Reaktion auf die Attacke in Duma durchgeführt – gehen allerdings davon aus, dass das syrische Regime und das mit ihm verbündete Russland den Tatort in Duma manipuliert haben. Kurz nach dem Sieg über die Rebellen dort zog zunächst die russische Militärpolizei in die Stadt ein, gefolgt von syrischen Bodentruppen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Beweise und wesentliche Elemente verschwinden", warnte zuletzt die französische Regierung.