Den Brexit setzt Theresa May sklavisch um. Sie tut es so, wie die Hardliner und Ideologen in der Konservativen Partei es von ihr verlangen. Raus aus dem Binnenmarkt. Raus aus der Zollunion. So lange sich Großbritanniens Premierministerin an diese roten Linien hält, ist ihr die Rückendeckung der Euroskeptiker in ihrer Partei sicher. Für den Fall der geringsten Abweichung drohen diese ihr mit einem Misstrauensvotum. 

Nur: Inzwischen gibt es im britischen Parlament konkreten Widerstand gegen Mays Brexit-Politik. Die Umsetzung entsprechend den Forderungen der Hardliner könnte bald zu Ende sein. Am Donnerstag stimmten im Parlament Abgeordnete nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus Mays Konservativer Partei dafür, die Premierministerin zu zwingen, mit der EU eine Zollunion auszuhandeln. 

Noch kann Theresa May die Debatte und die Abstimmung zwar ignorieren. Der Aufruf des Parlaments ist nicht bindend, er signalisiert nur, dass sich die Stimmung im Parlament dreht.

Doch in den kommenden Wochen und Monaten wird es ernst werden. Dann müssen die Änderungsanträge des Austrittsgesetzes, das Withdrawal Bill, im Unterhaus debattiert und bestätigt werden, damit es wirksam werden kann. May weiß schon jetzt, dass sie dann Niederlagen einstecken muss. Denn im Parlament gibt es mittlerweile eine Mehrheit für eine Zollunion mit der EU auch nach dem Brexit, dem beschlossenen Austritt Großbritanniens aus der EU. May wird dann ihre Brexit-Politik neu ausrichten und die ein- oder andere von ihr selbst gesetzte rote Linie überschreiten müssen. 

Seltsame ideologische Gründe

Der Brexit spaltet nicht nur das Land und die Bevölkerung, sondern auch die Konservative Partei. Lange haben sich die "Remainer", wie die EU-Befürworter und Verlierer des Brexit-Referendums höhnisch genannt werden, im Hintergrund gehalten. Doch das ist mittlerweile vorbei. Das zeigte die Debatte am Donnerstag im britischen Unterhaus. Es war der erste Schritt einer taktisch geplante Revolte all derer, die Großbritannien lieber in einer Zollunion mit der EU sähen. 

Debattiert wurde der Antrag, dass die Regierung mit der EU eine "effektive Zollunion" aushandeln solle. Yvette Cooper, eine forsche, brillant vortragende und wirtschaftlich versierte Labour-Abgeordnete trug ihn vor, mit all den Argumenten, die die Wirtschaft von einem reibungslosen Handel mit der EU erwartet. Ihre Argumente waren so unumstritten und logisch, dass Kenneth Clarke, Grandsenior des Parlaments und ehemaliger Finanzminister der Konservativen, einräumte: "Ich kann da nur jedem Satz zustimmen. Im Übrigen waren der Binnenmarkt, die Zollunion und Freihandel mit Kontinentaleuropa 50 Jahre lang die Politik der Konservativen Partei." Es sei absurd, wenn die Entscheidung dieser unglücklichen Volksabstimmung über den Brexit jetzt aus seltsamen ideologischen Gründen so umgesetzt werde, dass sie dem Land gravierend schade.

Genau das ist entscheidend: Ideologen und Pragmatiker stehen sich im Land, in der Bevölkerung, im Kabinett und im Parlament verständnislos gegenüber. Vor und direkt nach der Brexit-Volksabstimmung  waren es noch die Ideologen, die die Debatte dominierten. Doch nun wehren sich die Realpolitiker und dies möglicherweise mit Erfolg.