In der Holyrood-Kirche in Washington Heights herrscht an diesem Nachmittag die Stille. Kein Gottesdienst, keine Besucher, die Bänke sind leer, auch Orgel und Klavier unbesetzt. Nicht mal der Boden knarzt. Für Amanda Morales sind diese ruhigen Zwischenphasen am schwersten zu ertragen. Die 34 Jahre alte Frau sitzt in einem der Hinterzimmer, seitlich des Altars, und strickt. Grüner Garn, es soll eine Tischdecke werden, aber das ist auch egal. Sie strickt ja nur gegen die Zeit.   

Seit August 2017 leben Morales und ihre drei Kinder in den Räumen der über 100 Jahre alten, neugotischen Episkopalkirche im Norden Manhattans. Die Gemeinde hatte ihr Asyl gegeben. Es war die letzte Rettung vor der Abschiebung. In diesen acht Monaten, in über 230 Tagen, hat Morales das Gebäude nur zweimal verlassen. Einmal musste sie zum Zahnarzt. Und als der erste Schnee fiel, fror sie für ein paar Sekunden glücklich vor der Tür. Während sich langsam der nächste Sommer andeutet, weiß niemand, wie lange Morales noch in der Kirche bleiben muss. Oder darf.   

Amanda Morales, die in Guatemala geboren wurde und 2004 in die USA flüchtete, ist eine von rund elf Millionen undocumented immigrants – so werden die Einwanderer genannt, die weder US-Pass noch eine gültige Aufenthaltsgenehmigung besitzen. Die mit Abstand meisten von ihnen kommen aus Mexiko, dahinter folgen El Salvador, Honduras und Guatemala. Sie leben seit Jahren, viele sogar seit Jahrzehnten, in den Vereinigten Staaten. Sie haben Familien gegründet, gehen zur Arbeit, zahlen Steuern. Sie haben Freundeskreise, einen Alltag.

Sie gehören dazu. Und dann plötzlich nicht mehr.  

Seit Donald Trump im Weißen Haus sitzt, werden immer mehr Immigranten aus ihrem Leben gerissen. Erst Ende März ordnete das US-Justizministerium seine hauseigenen Gerichte zu mehr Effizienz an. Alle zuständigen Richter sind angewiesen, pro Jahr nun jeweils 700 Fälle zu erledigen. Mindestens. Wer die Quote nicht erfüllt, wird schlecht bewertet. Ziel ist es, die bereits im System erfassten Immigranten schneller abzuschieben. Es ist nur die letzte von zahlreichen Maßnahmen der Regierung, die das Land vermeintlich sicherer machen sollen. In der Praxis führt Trumps nationalistische Politik dazu, dass sich Millionen von Menschen unsicherer fühlen. 

"Keine Bevölkerungsgruppe bleibt verschont"

Barack Obama galt als Deporter in Chief, als Chefabschieber. In seinen acht Jahren wurden über 2,5 Millionen Immigranten ausgewiesen. Doch die Behörden konzentrierten sich auf zwei Gruppen: Menschen, die die Grenze frisch passiert hatten. Und Menschen, die nach ihrer Einreise schwer kriminell wurden. Wer hingegen länger im Land lebte und keine Straftaten ansammelte, durfte bleiben – so lautete die inoffizielle Regel. Sie galt nicht immer. Aber meistens.

Unter Trump ist die Zahl der Festnahmen von Immigranten im Landesinneren – also nicht direkt an der Grenze – um 42 Prozent gestiegen. Die Zahl der Festnahmen von nicht kriminell gewordenen Einwanderern stieg sogar um 171 Prozent. "Wenn du dich in diesem Land illegal aufhältst, solltest du dich unwohl fühlen. Dann solltest du dich besser genau umsehen. Keine Bevölkerungsgruppe bleibt verschont", sagte Thomas Homan, Direktor der US-Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE.

Die ICE-Beamten warten vor Schulen, bis die Eltern ihre Kinder abholen. Sie lauern vor Krankenhäusern und Obdachlosenunterkünften. Sie gehen in Gerichte, um die Immigranten dort abzufangen. Sie führen Razzien an Arbeitsplätzen durch. Videos von brutalen Verhaftungen gibt es en masse. Entstanden ist ein Klima der täglichen Panik. Bloß kein Unfall, bloß keine Krankheit, bloß keine Gelegenheit, dass ICE einen erwischt.