Gastautorin Ulrike Franke arbeitet als Policy Fellow am European Council on Foreign Relations und ist Expertin für automatisierte und autonome Systeme in der Militärtechnik.

Sie heißen Predator, das Raubtier, oder auch Reaper, der Sensenmann: tötende Roboter, die ungesehen von ihren Opfern durch die Lüfte fliegen. Sie töten auf Befehl von Kommandanten, die entspannt in klimatisierten Büroräumen in Las Vegas sitzen und mit Joysticks auf Pixel auf ihren Computerbildschirmen zielen. So oder so ähnlich ist das Bild der deutschen Öffentlichkeit von bewaffneten Drohnen – unbemannte Flugzeuge, die in militärischen Operationen eingesetzt werden.

Diese stark verzerrte und von der amerikanischen Drohnennutzung beeinflusste Sicht hat über Jahre die deutsche Drohnendebatte vergiftet und die Beschaffung bewaffneter Drohnen für die Bundeswehr gelähmt. Diesen Monat macht die neue Regierung nun erneut den Versuch, bewaffnete Drohnen für die Luftwaffe zu beschaffen. Zeit, einige Fakten in die Diskussion zu bringen.

Unbewaffnete Drohnen werden weltweit von fast hundert Ländern eingesetzt; Streitkräfte von Aserbaidschan bis Venezuela haben Drohnen. Bewaffnete Drohnen sind seltener; sie werden von etwa einem Dutzend Länder eingesetzt: Die Vereinigten Staaten haben sie ebenso wie Großbritannien, aber auch Pakistan, die Türkei oder Nigeria. Deutschland hat seit den Siebzigerjahren Überwachungsdrohnen, in Afghanistan setzte die Bundeswehr fünf Drohnentypen ein. Nun soll der Haushaltsausschuss über die Beschaffung israelischer Drohnen des Typs Heron TP entscheiden.

Killerroboter und Mörderwaffen

Heron TP ist eine sogenannte MALE-Drohne, ein Kürzel, das für medium altitude long endurance steht – mittlere Flughöhe, lange Ausdauer –, Systeme, die bis zu 10.000 Meter hoch und bis zu 48 Stunden lang fliegen können. Mit 14 Metern Länge und einer Flügelspannweite von 26 Metern ist sie eines der größten Systeme. Heron TP ist mit umfassender Aufklärungstechnik ausgestattet, kann aber auch Bewaffnung in Form von Raketen tragen.

Ob die Bundeswehr dieses System beschaffen soll, diskutiert die Politik seit nunmehr sechs Jahren. In diesem Zeitraum haben mindestens sieben Länder bewaffnete Drohnen beschafft oder sogar selbst entwickelt. Die Diskussion begann im August 2012, als sich der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière für die Beschaffung aussprach. Doch seit sechs Jahren steckt die Diskussion fest.

Drohnen werden in den Medien regelmäßig Killerroboter genannt und von Politikern Mörderwaffen. Es scheint unmöglich zu sein, von der US-amerikanischen Drohnennutzung zu abstrahieren. Selbstverständlich kann man sich gegen die amerikanische Art der Drohnennutzung aussprechen, in deren Zuge im letzten Jahrzehnt geschätzte 5.000 Menschen in Pakistan, Jemen und Somalia getötet wurden.

Deutsche Regierungen haben das auch getan, bereits im letzten Koalitionsvertrag hieß es: "Extralegale, völkerrechtswidrige Tötungen mit bewaffneten Drohnen lehnen wir kategorisch ab" – eine Formulierung, die sich leicht abgewandelt auch im aktuellen Koalitionsvertrag wiederfindet. Einzelne Politiker, Journalisten und Aktivisten wurden noch wesentlich deutlicher in ihrer Kritik.

Erhöht der Besitz von Drohnen die Bereitschaft, Krieg zu führen?

Doch die Ablehnung dieser Politik muss keinesfalls eine Ablehnung des militärischen Mittels bedeuten, mit der sie ausgeführt wird. Sonst müsste man der Bundeswehr auch die Maschinenpistolen wegnehmen, weil damit an zahlreichen Fronten dieser Welt Kriegsverbrechen begangen werden.

Betrachtet man die Drohne losgelöst von ihrer Nutzung durch die USA, wird es schwieriger, sie abzulehnen. Denn die Forschung zeigt: Richtig eingesetzt können Drohnenangriffe präziser sein als viele der Alternativen. Auch tragen Drohnen in der Regel Raketen mit kleinen Sprengköpfen, während bemannte Flugzeuge oft mit Bomben bewaffnet sind, deren Auswirkungen ungleich größer sind.

Drohnenpiloten sind keinesfalls desinteressierte Computerspieler, im Gegenteil. Erste Studien zeigen, dass auch Drohnenpiloten unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden – und zwar sogar häufiger als Piloten bemannter Systeme, die, trotz ihrer körperlichen Präsenz über dem Kriegsgebiet, psychologisch weiter vom Geschehen entfernt sind. 

Die Drohnendebatte sollte kein Vorbild sein

Ein Pilot, der für die Luftwaffe sowohl bemannte als auch unbemannte Systeme flog, beschreibt das so: "Selbst wenn Sie einen Schwerstverbrecher mit der Drohne verfolgen, nach zehn Minuten haben sie ein Gefühl für den Mann. Sie sehen: Der hat auch Frau und Kinder. Ich bin auch Vater und sicher nicht schießwütig. (…) Mit dem Tornado ist die Situation anders. Da fliege ich drüber und habe drei Sekunden Zeit für die Zielerkennung, und dann lasse ich die Bombe fallen. Da baut man keine Gefühle auf."

Auch die Sorge, dass der Besitz von Drohnen die Bereitschaft erhöht, Krieg zu führen, erscheint gerade für Deutschland überzogen. Militärische Einsätze werden hier grundsätzlich kritisch gesehen und jeder Militäreinsatz muss durch den Bundestag genehmigt werden. Ein Abgeordneter – dessen Partei sich offiziell gegen bewaffnete Drohnen ausspricht – bemerkte, die Argumentation, der Deutsche Bundestag werde plötzlich kriegslüstern, weil Drohnen zur Verfügung ständen, sei eine "Bankrotterklärung der Politik".

Als im Januar 2013 bei einer Debatte über die Ausrüstung der Bundeswehr mit bewaffneten Drohnen wieder nur über die amerikanische Kampfdrohnenpraxis diskutiert wurde, rief die FDP-Abgeordnete Elke Hoff irgendwann entnervt dazwischen: "Was hat das mit der Beschaffung zu tun? Herrgott!" Es muss nicht der Herrgott sein, aber etwas mehr Vernunft im Sinne der Aufklärung würde der deutschen Debatte guttun. Wenn Deutschland beginnt, kontroverse Debatten über sicherheits- und verteidigungspolitische Themen zu führen, ist das eine positive Entwicklung. Doch die Drohnendebatte sollte nicht Vorbild für zukünftige Debatten sein.