In Syrien steht ein neues Massenmorden an – und dieses Mal wird nicht Machthaber Baschar al-Assad der Hauptverantwortliche sein. Der Krieg, dessen Intensität in weiten Teilen des Landes zuletzt etwas abgenommen hatte, droht plötzlich wieder neu aufzukommen. Die Rede ist hier nicht von den 105 Trump-Raketen, die am Samstag zumeist leere, zuvor geräumte Gebäude trafen. Sie waren nicht viel mehr als Blendgranaten, sollten Stärke demonstrieren, wo tatsächlich Schwäche ist. Sie sind Gesprächsstoff für Talkshowrunden, aber werden den Verlauf dieses Krieges nicht beeinflussen. Sie sind Show.

Der Krieg in Syrien geht mittlerweile in sein siebtes Jahr. Er hat nicht nur den Nahen Osten, sondern mit der Flüchtlingskrise auch Deutschland tiefgehend verändert. Die Schockwelle, die von Syrien ausging, erfasste nahezu jedes Dorf in Bayern oder Hessen. Kein Konflikt hat Deutschland seit den Weltkriegen stärker betroffen. 

Der Syrienkrieg durch­lief in diesen sieben Jahren viele Metamorphosen. Immer wieder hatte der Westen die Chance, das Schlimmste zu ver­hindern. Und immer wieder tat er es nicht. Immer wieder be­harrten wir darauf, uns nicht einmischen zu wollen – bis schließlich im Sommer 2014 die Wucht dieses Krieges auch uns erreichte.

Der Westen ließ Assads Wüten zu

Als Reporter habe ich in den Ruinenstädten Syriens erlebt, wie die Luftwaffe Assads die Bevölkerung immer mehr in die Radikalität bombte. Ich habe gesehen, wie Bäckereien gezielt bombardiert wurden, Moscheen zum Freitagsgebet getroffen wurden, jeden Tag zerhackte, blutende Leiber von Frauen und Kindern aus den Trümmern gegraben wurden. Der Westen ließ das Wüten zu. Wir sahen zu, wie hunderttausendfach ge­storben wurde, aber wir versagten den Syrern in den Oppositionsgebieten eine Flugverbotszone, wieder und wieder. Wir wollten es nicht schlim­mer machen – und schickten den Aus­gebombten als Beweis unseres Mitgefühls Zelte.

Im Jahr 2012 hätte eine Flugverbotszone das Schlimmste viel­leicht noch verhindern können. Weit weniger Syrerinnen und Syrer wären aus ihrem Land geflohen und der "Islamische Staat" (IS) hätte in diesen apokalyptischen Landschaften nicht so ungehemmt aufblühen können. Doch uns fehlte der Mut. Bis der Westen end­lich begriff, dass er sich einmi­schen muss, konnte der IS eine Fläche so groß wie Großbri­tannien erobern.

Die Kurden waren die einzi­ge Kraft, die in Nordsyrien noch bestand, um gegen den IS zu kämpfen. Vier Jahre haben sie, auch für Europa, den IS bekämpft, Tausende von ihnen star­ben – und jetzt wendet sich der Westen erneut von ihnen ab. Donald Trump kündigte gerade erneut an, die US-Trup­pen bald aus dem kurdisch kontrollierten Teil Syriens abzu­ziehen. Die­se Ankündigung Trumps ist die eigentliche Katastrophe dieser Tage, nicht der Feuerbefehl für die 105 Raketen. Denn wenn sich die US-Truppen zurückziehen, die bisher an der Seite der kurdischen "Volksbefreiungseinheiten" gekämpft haben, lösen sie damit sehr wahrscheinlich einen neuen Krieg aus.

Recep Tayyip Erdoğan, der vor wenigen Wochen bereits die kurdi­sche Enklave Afrin eroberte, wird nicht lange zögern, mit seinen syrisch-sunnitischen Verbündeten auch in die kur­dischen Hauptsiedlungsgebiete einzurücken. Angekündigt hat er es schon. Das Assad-Regime im Pakt mit Iranern und Rus­sen wird Gleiches vom Süden aus tun. Damit droht ein ent­setzlicher Erbfolgekrieg, der ein Drittel des syrischen Staats­gebiets erfassen und abermals verwüsten wird.