In Kuba ist die fast sechs Jahrzehnte währende Ära der Herrschaft der Gebrüder Castro zu Ende gegangen: Die Nationalversammlung hat Miguel Díaz-Canel zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Er folgt auf den 86-jährigen Raúl Castro, der nach zwei fünfjährigen Amtszeiten nicht wieder antrat. Díaz-Canel war der einzige von der Regierung nominierte Kandidat und galt schon seit Langem als wahrscheinlichster Nachfolger Castros. Er übernahm sofort die Regierungsgeschäfte. 

Der neue Präsident ist nun das erste Staatsoberhaupt Kubas, das nach der sozialistischen Revolution 1959 geboren wurde. Ein grundlegender Wechsel des politischen Kurses wird von ihm allerdings nicht erwartet. Der 57-jährige Díaz-Canel hatte sich in der Kommunistischen Partei – laut Verfassung die führende politische Kraft des Landes – drei Jahrzehnte lang nach oben gearbeitet und liegt voll auf ihrer Linie. "Die kubanischen Präsidenten werden stets die Revolution verteidigen. Vor allem brauchen wir Kontinuität", sagte er zuletzt.

"Ein pragmatischer Apparatschik"

Díaz-Canel sei "ein diskreter und pragmatischer Apparatschik", sagt der Analyst Carlos Alberto Montaner. Nach seiner Zeit beim Militär machte der Elektroningenieur Díaz-Canel Karriere beim kommunistischen Jugendverband, war Parteichef in der Provinz und Minister für Hochschulbildung. Castro sagte über ihn als seinen Wunschnachfolger: "Der Genosse Díaz-Canel ist kein Emporkömmling und keine Notlösung."

Der berühmte Dissident Guillermo Fariñas war in der Schulzeit mit Díaz-Canel befreundet. Er beschreibt den neuen Präsidenten als "neugierig, impulsiv, aggressiv und mutig". Das Verhältnis zwischen dem Parteisoldaten und dem Oppositionellen kühlte sich später zwar ab. Als Fariñas sich allerdings im Krankenhaus von einem Hungerstreik erholte, kam Díaz-Canel zu Besuch.

Wirtschaftsprobleme und soziale Spannungen

Dem neuen Präsidenten stehen große Aufgaben bevor. Die begrenzten Reformen Raúl Castros haben der Wirtschaft bislang nicht aus der Dauerkrise geholfen, zum Teil kamen sie über das Planungsstadium nicht hinaus. Hinzu kommt, dass die wieder abgekühlten Beziehungen zu den USA dem Tourismus einen Dämpfer versetzten und dass Venezuela als Unterstützer weggefallen ist, das selbst in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt. Die sozialen Spannungen nehmen auf Kuba zu. Gelinge es Díaz-Canel nicht, die wirtschaftliche Lage zu verbessern, werde er "mit den politischen Folgen zu kämpfen haben", sagt Arturo López-Levy von der Universität Texas-Rio Grande Valley.

Auch innerhalb der Partei- und Staatsführung muss sich der bisherige Vizepräsident noch beweisen. Anders als seine Vorgänger Fidel und Raúl Castro, die die Rebellenarmee in Kuba zum Sieg führten, verfügt er nicht über die natürliche Legitimation der historischen Generation der Revolutionäre.

Raúl Castro bleibt – voraussichtlich bis zum nächsten Parteitat 2021 – Chef der herrschenden Kommunistischen Partei. Sein Bruder Fidel, der 2016 starb, hatte die kubanische Revolution angeführt, die 1959 mit dem Sturz des damaligen Diktators Fulgencio Batista endete. Von diesem Zeitpunkt an stand Fidel Castro an der Spitze der kubanischen Regierung, bis 2008.