Panik zu verbreiten ist keine journalistische Tugend. Aber Donald Trump scheint es mit seiner Aggressivität und Primitivität zu gelingen, selbst besonnene Beobachter der Außenpolitik zu Kündern der Apokalypse zu machen – nach dem Motto: Wer formuliert die fetteste Weltuntergangsschlagzeile? Gerade liberale Blätter sind nicht gegen Hysterie gefeit.

Das zeigte der Angriff auf die Chemielabore und Giftlager in Syrien. Eigentlich deutete schon in den Tagen zuvor alles darauf  hin, dass die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien jede Vorsichtsmaßnahme ergreifen würden, um keine russischen Stellungen in Syrien zu treffen. Politik, Diplomatie und Militär signalisierten: Wir wollen keine Eskalation im Verhältnis zu Moskau.

Und so kam es dann auch. Der Angriff war eng begrenzt, er diente allein dem Ziel, der Ächtung der Chemiewaffen Geltung zu verschaffen. Es ging nicht um eine Wende im siebenjährigen Krieg und nicht um den Sturz Assads. Russlands Regierung hat das – trotz aller zur Schau getragenen Empörung – auch verstanden. Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte Anfang dieser Woche: "Wir hoffen, dass wir trotz der Schäden, die Washington den bilateralen Beziehungen zufügt, eine Art von Kommunikation beginnen können." So spricht niemand, der auf der anderen Seite nur Kriegstreiber am Werke sieht.

Die Risiken eines Schlages gegen Assads Chemiewaffen hätte man in den Tagen, die dem Angriff vorausgingen, nüchtern analysieren können – ohne die Gefahren zu relativieren, die jede Militäraktion mit sich bringt. Stattdessen bereiteten einige Blätter, geschockt von Donald Trumps Tweet "Mach dich bereit, Russland", die Leserschaft darauf vor, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Auf seiner Titelseite schrieb der Spiegel: "Donald Trump riskiert den Weltkrieg".

Im Leitartikel des Spiegels hieß es dann: "Mag sein, dass dieser Tweet einmal in die Geschichte eingehen wird wie die Kriegserklärung des deutschen Kaiserreichs vom 1. August 1914 oder die Emser Depesche von 1870. Als ein Dokument, das die Historiker analysieren, wenn sie den Weg in die Katastrophe nachzeichnen." Überschrieben war der Kommentar "Lust am Untergang" – und damit war nicht die Spiegel-Redaktion gemeint.

Die Süddeutsche Zeitung wählte für ihren Leitartikel die Überschrift "Kriegsgefahr: Welt im Wanken". Der Kommentar begann mit den Worten: "Die Angst kehrt zurück. Sie kriecht aus den Falten der Geschichte." Zwei Absätze weiter hieß es: "Viele sorgen sich, ein dummdreister Tweet des US-Präsidenten, eine fehlgeleitete Rakete, ein verletztes Ego im Weißen Haus oder im Kreml könnten zum Atomkrieg führen."

Weltkrieg. Atomkrieg. Waren wir wirklich auf dem Weg dorthin? Beide Leitartikel erschienen am Morgen nach dem Angriff. Zwei Tage später, nach einem Wochenende des Recherchierens und der Reflexion, las es sich in der Süddeutschen Zeitung anders. "Ungeachtet der harschen Rhetorik auf der politischen Bühne, etwa im UN-Sicherheitsrat, hat es offenkundig enge, detaillierte Absprachen zwischen den amerikanischen und den russischen Streitkräften gegeben. Beide Seiten haben kein Interesse daran, dass es zu einer Eskalation zwischen den Atommächten kommt. Die etablierten Kommunikationskanäle funktionierten noch, heißt es in Militärkreisen. Russische Medien hatten direkte Kontakte auf Generalstabsebene gemeldet, auch der US-Botschafter in Moskau, John Huntsman, sagte, es habe Gespräche gegeben."

Alarmismus ist unangebracht

Dass es alle diese Gesprächskanäle gibt, dass zum Beispiel zwischen russischen und amerikanischen Militärs in Syrien eine Standleitung existiert, und zwar genau für einen Fall wie diesen, war bekannt und hätte in der Kommentierung vor den Angriffen bedacht werden müssen. Die SZ hat übrigens in derselben Ausgabe, in der ihr furchterregender Leitartikel erschien, in einem kenntnisreichen Aufmacher auf der Seite 1 ("Anruf vor dem Angriff") die notwendigen Fakten geliefert.

Gerade weil in Washington ein unberechenbarer Präsident regiert, sollten sich die Medien vor Alarmismus hüten. Gegen die Dauererregung im Netz muss seriöser Journalismus den Willen und die Fähigkeit zur Differenzierung verteidigen. Er muss zum Beispiel für möglich halten, dass alte Demokratien wie die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien verantwortungsvoll handeln, dass sie – trotz Trump – keinen Krieg vom Zaun brechen wollen, schon gar nicht mit Russland. Was für eine abenteuerliche Vorstellung!

Natürlich, die Besetzung der Krim, die anhaltenden Kämpfe in der Ostukraine, die Hackerangriffe auf westliche Regierungen, der Fall Skripal – dies alles belastet das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland, die doch nach dem Ende des Kalten Krieges "Partner" sein wollten. Partner sind sie derzeit nicht, im Auswärtigen Amt spricht man inzwischen von einer "antagonistischen Beziehung". Aber deshalb riskiert man doch keine militärische Konfrontation.

Im Kreml scheint man das zu wissen. Weder dort noch in Washington, Paris oder London gibt es eine Lust am Untergang. Journalisten sollten nicht versuchen, sie herbeizuschreiben.