Dass es alle diese Gesprächskanäle gibt, dass zum Beispiel zwischen russischen und amerikanischen Militärs in Syrien eine Standleitung existiert, und zwar genau für einen Fall wie diesen, war bekannt und hätte in der Kommentierung vor den Angriffen bedacht werden müssen. Die SZ hat übrigens in derselben Ausgabe, in der ihr furchterregender Leitartikel erschien, in einem kenntnisreichen Aufmacher auf der Seite 1 ("Anruf vor dem Angriff") die notwendigen Fakten geliefert.

Gerade weil in Washington ein unberechenbarer Präsident regiert, sollten sich die Medien vor Alarmismus hüten. Gegen die Dauererregung im Netz muss seriöser Journalismus den Willen und die Fähigkeit zur Differenzierung verteidigen. Er muss zum Beispiel für möglich halten, dass alte Demokratien wie die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien verantwortungsvoll handeln, dass sie – trotz Trump – keinen Krieg vom Zaun brechen wollen, schon gar nicht mit Russland. Was für eine abenteuerliche Vorstellung!

Natürlich, die Besetzung der Krim, die anhaltenden Kämpfe in der Ostukraine, die Hackerangriffe auf westliche Regierungen, der Fall Skripal – dies alles belastet das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland, die doch nach dem Ende des Kalten Krieges "Partner" sein wollten. Partner sind sie derzeit nicht, im Auswärtigen Amt spricht man inzwischen von einer "antagonistischen Beziehung". Aber deshalb riskiert man doch keine militärische Konfrontation.

Im Kreml scheint man das zu wissen. Weder dort noch in Washington, Paris oder London gibt es eine Lust am Untergang. Journalisten sollten nicht versuchen, sie herbeizuschreiben.