Als Südkoreas eben ins Amt gewählter Präsident Moon Jae-in im Juli 2017 seine Nordkorea-Politik in einer Rede in Berlin darlegte, belächelten viele im Publikum den Idealismus des 65-Jährigen. Während Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in unablässigem Stakkato sein Raketen- und Atomwaffenarsenal testen ließ, beharrte Moon darauf, sich Gesprächen nicht zu verschließen. Vor den Olympischen Spielen in Pyeongchang lud er den Norden zu symbolischen "Friedensspielen" ein. Und nicht zuletzt brach er mit dem Dogma des alleinigen Anspruchs auf die koreanische Halbinsel: "Wir wünschen uns keinen Zusammenbruch des Nordens", sagte er in Berlin. Es gehe ihm zuallererst darum, Frieden zu sichern.

Knapp ein Jahr später ist die Vision des linksgerichteten Südkoreaners fast aufgegangen. Seoul galt noch vor Kurzem als Statist in diesem verhärteten geopolitischen Konflikt. Inzwischen ist es als geschickter Vermittler zwischen zwei erratischen Charakteren namens Trump und Kim wieder zur treibenden Kraft avanciert. Moons diplomatisches Geschick zeigte sich vielleicht am deutlichsten im Januar, als er dem US-Präsidenten das Verdienst zugute hielt, das geplante Spitzentreffen zwischen Washington und Pjöngjang eingefädelt zu haben – wohlwissend, dass Trumps Ego mit öffentlichem Schmeicheln wohl am besten im Zaum zu halten ist. Dabei war es zweifelsohne der südkoreanische Präsident selbst, der die beiden ideologischen Feinde zusammengebracht hatte.

Moon wurde 1953 in einem Auffanglager für Kriegsflüchtlinge auf der Insel Geoje geboren. Seine Eltern, die aus dem heutigen Nordkorea stammen, waren während des Koreakriegs (1950–1953) vor den chinesischen Rotgardisten geflohen. Moons Jugend war vor allem von der drastischen Armut der Nachkriegszeit geprägt, aber auch von einem unbedingten Aufstiegswillen. Als 20-jähriger Student der Rechtswissenschaften demonstrierte er in vorderster Reihe gegen das Militärregime, das kurz zuvor mit einer Verfassungsreform grundlegende Bürgerrechte eingeschränkt hatte.

Als Anwalt ging es Moon noch um Menschenrechte

Als angeblicher Rädelsführer kam Moon in Untersuchungshaft und wurde zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Diese Erfahrung war mit ein Auslöser dafür, dass Moon später als Menschenrechtsanwalt Demokratieaktivisten verteidigte. Seine konservativen Gegner kreiden ihm mit Blick auf diese Vorgeschichte allerdings heute an, dass ausgerechnet er das Thema Menschenrechte im Umgang mit Nordkorea weitgehend ausblendet.

Während seiner gesamten politischen Karriere musste sich Moon vom rechten Establishment als "Kommunist" oder "Nordkorea-Sympathisant" diffamieren lassen. Seine vorwiegend junge Wählerschaft hat solche Anfeindungen längst als Wahltaktik durchschaut. Dennoch erzählte Moon in seinem Präsidentschaftswahlkampf 2017 bei jeder Gelegenheit von seiner Zeit als Wehrrekrut. Damals wurde er in eine Sondereinheit eingeteilt, die den wohl skurrilsten und gleichzeitig gefährlichsten Militäreinsatz der koreanischen Nachkriegszeit ausführte.

Am 18. August 1976 zogen zwei US-Soldaten vom Friedensdorf Panmunjeom aus, um in der entmilitarisierten Zone eine Pappel zu fällen, die das Sichtfeld eines UN-Wachpostens verstellte. Sie gerieten in einen Hinterhalt nordkoreanischer Militärs, die die Amerikaner mit einer Axt massakrierten. Später sagten die Täter aus, dass Staatsgründer Kim Il Sung einst jenen Baum gepflanzt haben soll – und sie das Abholzen als unerhörte Provokation empfanden.