Als Reaktion auf neue palästinensische Proteste an der Grenze zum Gazastreifen hat Israels Armee das Grenzgebiet zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Hunderte Palästinenser seien an fünf Stellen entlang der Grenze an Ausschreitungen beteiligt, teilte die Armee mit. Die Truppen setzten "Mittel zur Bekämpfung von Unruhen" ein. Dabei würden auch Schüsse gemäß klarer Einsatzregeln abgefeuert. Man werde "keinerlei Verletzung der Sicherheitsanlage und des Grenzzauns erlauben" und zum Schutz israelischer Zivilisten gegen Angreifer vorgehen.

Seit Freitagvormittag kommt es an der Grenze zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten. Wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, steckten Demonstranten Autoreifen in Brand und warfen Steine über den Grenzzaun. Mit dem Verbrennen Tausender Reifen wollen die Palästinenser eine Art Rauchwand erzeugen, um so den Scharfschützen auf der Seite der Grenze die Sicht zu erschweren. Auf diese Aktion reagierten die israelischen Soldaten zunächst mit Warn-, dann auch mit scharfen Schüssen sowie dem Einsatz von Tränengas. Nach palästinensischen Angaben wurden bisher drei Demonstranten durch Schüsse verletzt. 

Vor einer Woche hatte die Hamas den sogenannten "Marsch der Rückkehr" gestartet, insgesamt sollen die Proteste sechs Wochen andauern. Beim schlimmsten Ausbruch der Gewalt seit 2014 sind nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza bisher 22 Palästinenser ums Leben gekommen und rund 1.500 weitere verletzt worden. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Allein am Karfreitag waren bei Konfrontationen 18 Palästinenser getötet worden, zwei starben später an ihren Verletzungen. Das bestätigten beide Seiten. Zwei weitere wurden bei Vorfällen im Grenzbereich am Dienstag und am Donnerstag getötet. Israelische Soldaten schossen nach Armeeangaben gezielt auf palästinensische Rädelsführer – die meisten der Getöteten waren nach israelischen Angaben militante Palästinenser.

Die Bundesregierung forderte von Israel Aufklärung über die hohe Zahl der Toten. Man sehe die Vorfälle vergangenen Freitag mit großer Sorge und bezweifele "die Verhältnismäßigkeit" des Vorgehens israelischer Sicherheitskräfte, sagte der stellvertretende Sprecher des Auswärtigen Amtes, Rainer Breul.

Für diesen Freitag wurde bereits seit Tagen neue Gewalt befürchtet. Palästinenser im Gazastreifen wurden zu Blutspenden aufgerufen. Der Rettungsdienst Roter Halbmond richtete nach eigenen Angaben an fünf Stellen nahe der Grenze Feldkliniken zur Behandlung von Verletzten ein. UN-Generalsekretär António Guterres forderte von allen Beteiligten Zurückhaltung. "Wir erkennen Israels Sicherheitsbedenken an, dennoch darf tödliche Gewalt nur als letztes Mittel eingesetzt werden, wenn es sich nicht vermeiden lässt, um Leben zu schützen", hieß es in einer Mitteilung des Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC). 

Anlass für die Proteste der Palästinenser, die noch bis Mitte Mai dauern, war der "Tag des Bodens". Er erinnert an die gewaltsame Niederschlagung von Protesten arabischer Bauern gegen die Enteignung ihres Landes am 30. März 1948, nachdem der Staat Israel gegründet worden war. Die Palästinenser sehen diese Gründung als Katastrophe an, weil seitdem Hunderttausende Palästinenser fliehen mussten oder vertrieben wurden. Sie pochen auf ein "Recht auf Rückkehr". Israel lehnt dies ab und verweigert zudem jegliche Verhandlungen mit der Hamas, die nicht nur von der Regierung in Jerusalem, sondern auch von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird. Die Hamas bestreitet das Existenzrecht Israels und fordert die gewaltsame Errichtung eines islamischen Palästinas vom Mittelmeer bis zum Jordan.