John Sheridan fürchtet sich vor dem Brexit. Der Bauer glaubt, der Ausstieg Großbritanniens aus der EU werde ihn und seine Farm in eine Ecke drängen – und das ist nicht nur metaphorisch gemeint, denn Sheridans Ecke existiert tatsächlich. Sie besteht aus knapp 500 Hektar Land und liegt in der Grafschaft Fermanagh in Nordirland, direkt an der Grenze zur Republik Irland.

Einst bewahrten Wachposten hier den fragilen Frieden zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Nationalisten. Später war die Grenze kaum mehr spürbar, und das lag auch daran, dass Irland und Großbritannien beide zur Europäischen Union gehörten. Durch den Brexit soll sie bald wiederbelebt werden, und die neue Außengrenze der EU könnte mitten durch Sheridans Land führen. Seine Schafe stünden dann auf beiden Seiten. Der Farmer kann sich kaum etwas Schlimmeres vorstellen. Er sagt, eine Grenze würde ihn ruinieren.

Dabei ist noch gar nicht klar, wie alles funktionieren soll. Zwar wollen weder die EU noch Großbritannien neue Grenzkontrollen einführen – wenigstens darin sind sich die Unterhändler in Brüssel mittlerweile einig. Aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Eine Studie der Queens Universität Belfast lässt darauf schließen, dass es ohne Kontrollen nicht gehen wird, ganz egal, wie die Grenze später aussehen wird.

500 Kühe, 500 Schafe, drei Angestellte

Katy Hayward, die Autorin des Papiers, hat im Modell jedes denkbare Szenario durchgespielt. Im Fall einer Zollunion beispielsweise wären sieben Grenzposten notwendig, um Vieh- und Lebensmitteltransporte, den Personenverkehr und die Geldflüsse zwischen Irland und Nordirland zu überwachen, wie sie sagt. Und egal, welche Technologie man einsetze, um den Handel zu überwachen: Die rund 177.000 Lastwagen, die derzeit monatlich zwischen beiden Seiten wechseln, müssten auch physisch noch kontrolliert werden.

Bauer Sheridan lehnt vor seinem Kuhstall an einem Zaun: kurze Atempause. Seine Jacke und Hose sind voll Schlamm, ein speckiger Hut schützt seinen Kopf vor Regen, Wind und – seltener – Hitze. Jetzt, im Frühling, stehen die knapp 500 Rinder noch im Stall. Dann hat Sheridan die meiste Arbeit, denn er muss sie zweimal täglich füttern und einmal am Tag den Stall ausmisten. Im Frühling mache er eigentlich nie Feierabend, sondern nur Pausen zwischendurch, sagt der Bauer.

Jeden Morgen steht der 56-Jährige früh um fünf Uhr auf und fährt mit seinem alten Geländewagen zu den Ställen. Er schneidet Heuballen auf, rollt die zusammengepressten Lagen aus, wendet das Heu mit der Gabel und wirft es den Rindern zum Frühstück vor. Dann mistet er aus und fährt weiter zu seinen Schafen. Die stehen zwar den ganzen Tag auf der Weide, aber trotzdem bekommen sie zusätzliches Trockenfutter. Sobald die Tiere Sheridans Auto sehen, rennen sie gierig meckernd auf es zu. 500 Schafe hält der Bauer, ein paar davon stehen jenseits der Grenze in der Republik Irland. Den Tieren ist das egal – und auf ihrer Weide ist der Grenzverlauf auch für Menschen nicht zu erkennen.

Sheridans Betrieb ist klein, wie viele hier in der Gegend. Drei Angestellte unterstützen ihn bei der Arbeit; für ihn bleibt noch genug zu tun. Sobald er mit den Schafen durch ist, müssen die Kühe schon wieder gefüttert werden. Um sechs Uhr am Abend isst Sheridan selbst, danach legt er sich für exakt drei Stunden hin, ab zehn Uhr nachts hat er Zeit für Reparaturen, erst um zwei Uhr morgens geht er schlafen. Auch ohne Brexit ist die Viehzucht in Fermanagh hart verdientes Geld. Härter als zur Zeit seiner Eltern, sagt Sheridan. Auch wegen der EU.