Nach zehn Jahren an der Staatsspitze will der 86-jährige Präsident Raúl Castro an diesem Mittwoch seine Macht abgeben. Dazu wird das Parlament in Havanna zusammenkommen, um einen neuen Staatsrat zu wählen. Als aussichtsreichster Kandidat gilt Castros Vertrauter Miguel Díaz-Canel. Nach Fidel und Raúl Castro wird es damit auf Kuba erstmals einen Präsidenten geben, der nicht mehr der Revolution von 1959 entstammt.

Raúl Castro hatte 2006 die Amtsgeschäfte von seinem erkrankten und 2016 verstorbenen älteren Bruder Fidel Castro übernommen. Seinen Verzicht auf ein weiteres Mandat als Präsident hatte er bereits vor geraumer Zeit angekündigt. Allerdings will er bis zum nächsten Parteitag 2021 Generalsekretär der Kommunistischen Partei bleiben – er wäre dann 90 Jahre alt – und würde als solcher auch weiterhin Kontrolle über seinen Wunschnachfolger Díaz-Canel haben. Offiziell hatte Castro angekündigt, das neue Führungsteam zu beraten und gegen Widerstände der alten Garde – etwa bei der Umsetzung von Reformen – in Schutz zu nehmen.

Große Umwälzungen sind von Díaz-Canel tatsächlich nicht zu erwarten. Der 57-Jährige liegt voll auf Parteilinie und hatte kürzlich davon gesprochen, dass Kuba vor allem Kontinuität brauche. "Die kubanischen Präsidenten werden stets die Revolution verteidigen", sagte der bisherige Vizepräsident, vor dem gleichwohl eine schwierige Aufgabe liegt: Er muss zugleich die Macht der Sozialisten sichern und Kuba für ausländische Investoren weiter öffnen. Zugleich wächst die soziale Kluft zwischen Armen und Reichen, zwischen jenen also, die mit dem staatlichen Durchschnittslohn von umgerechnet knapp 30 Euro auskommen müssen, und jenen, die Zugang zu Devisen und Tourismuseinnahmen haben.

Macht teilen mit Castro-Sohn und -Schwiegersohn

Im Gegensatz zu den alten Guerilleros, die noch selbst in den Bergen kämpften und den Diktator Fulgencio Batista aus dem Land trieben, verfügt Díaz-Canel aber nicht über die natürliche Legitimation seiner Vorgänger. Der neue Präsident werde deshalb von Anfang an über "sehr viel weniger Macht" verfügen als die Castro-Brüder vor ihm, urteilt Jorge Duany, Direktor des Instituts für Kuba-Forschungen der Universität von Florida. Er werde seine Macht mit anderen hochrangigen Politikern und Militärs teilen müssen.

Nach Einschätzung des kubanischen Experten Arturo Lopez-Levy von der University of Texas Rio Grande Valley braucht der neue Staatschef eine "kollegiale Führung". Teil einer solchen könnten der 60-jährige Außenminister Bruno Rodríguez und der für Wirtschaftsreformen zuständige 57-jährige Marino Murillo sein. Spekulationen gibt es darum, welche Rolle zwei bisherige Schlüsselfiguren spielen werden: der Oberst Alejandro Castro, Raúl Castros Sohn, und sein ehemaliger Schwiegersohn, Luis Alberto López-Callejas. Letzterer leitet die mächtige, von der Armee kontrollierte Holding Grupo de Administración Empresarial (GAE), die über Hunderte Unternehmen wacht – von der Landwirtschaft bis zum Tourismus.

Mit Trump keine Annäherung

Esteban Morales, langjähriger Analyst der Beziehungen zwischen den USA und Kuba aus Havanna, hält Díaz-Canel für die künftigen Herausforderungen gut gerüstet. Der Elektronikingenieur verfüge über "langjährige Erfahrungen". Er war unter anderem Vorstandsmitglied der Kommunistischen Jugend (UJC), Parteichef in zwei Provinzen und Minister für Hochschulbildung.

Eine Verbesserung zu den Vereinigten Staaten ist indes nicht zu erwarten, solange Donald Trump im Amt ist. Trump fährt eine harte Linie gegen Kuba; so machte er Barack Obamas Lockerungen bei den Reise- und Handelsbeschränkungen wieder rückgängig. Wegen angeblicher "Akustik-Attacken" gegen ihre Botschaftsmitarbeiter in Kuba zogen die USA im September mehr als die Hälfte ihres Personals aus der Vertretung ab. Trump bezeichnete die kubanische Regierung als ein "grausames und brutales Regime" und machte die künftigen Beziehungen von Fortschritten bei den Menschenrechten abhängig. Unter Obama hatten sich beide Staaten einander angenähert und im Juli 2015 nach über einem halben Jahrhundert der Konfrontation wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen.