Zwei lange Fernsehinterviews, eine Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, ein Besuch in Berlin bei Bundeskanzlerin Angela Merkel: Bevor diese Woche vorbei ist, wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron noch einmal seine ganze Energie und Überzeugungskraft aufgewendet haben, um seine Pläne zur Transformation des eigenen Landes und der Europäischen Union zu verteidigen. Die Agenda ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass er in einem Monat genau ein Jahr im Amt sein wird und nun viele nach einer ersten Bilanz fragen. Der Präsident muss vielmehr um den Erfolg seiner Projekte bangen, die ihn vor elf Monaten noch zum großen Hoffnungsträger in Europa machten.

Zu Hause muss er sich dem Widerstand zahlreicher Unzufriedener stellen: Die Eisenbahner legen mit ihrem Ausstand seit Anfang April an zwei von fünf Tagen einen Großteil des Schienenverkehrs lahm; Justizmitarbeiter streiken gegen die Zusammenlegung von Gerichten; Beschäftigte von Krankenhäuser und Seniorenheimen meutern gegen unhaltbare Zustände, Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes gegen den geplanten Abbau von 120.000 Stellen. Mehrere namhafte Universitäten sind blockiert, weil Studierende und ihre Unterstützer verhindern wollen, dass erstmals in Frankreich ein Auswahlverfahren über die Zulassung zum Hochschulbesuch entscheiden soll.

Der Groll ist auch deshalb so groß, weil ein Hauptargument des Präsidenten nicht recht zu ziehen vermag: Wenn Frankreich Reformen umsetzt, hatte Macron im Wahlkampf versprochen, werde das Land in Brüssel wieder ernst genommen und könne Forderungen stellen. Doch nach den ersten Monaten im Amt, in denen seine Auftritte auf internationaler Bühne gefeiert wurden und seine Ideen als visionär, steht Macron weitgehend alleine da. Seine Pläne, die Europa neuen Schwung geben sollen, finden kaum Unterstützung.

Aufgeschobene Ideen

Ein gemeinsames Budget und ein Finanzminister für die Eurozone? Sind auf die lange Bank geschoben. Die Vollendung der Bankenunion droht am Zank der Mitgliedsländer über die notleidenden Kredite zu scheitern, die mehr als 700 Milliarden Euro betragen. Unter Führung der Niederlande hatten acht nordische EU-Staaten den französischen Staatschef bereits vor Wochen wissen lassen, dass sie an einer tieferen Integration der Gemeinschaft nicht interessiert sind. In den osteuropäischen Ländern hatte man diese Idee ohnehin von Anfang an mit Argwohn und Ablehnung aufgenommen. Und selbst in Berlin, wo Macron zumindest auf die partielle Unterstützung der Großen Koalition hoffen durfte, sind Mitglieder von CDU und CSU bestrebt, weit hinter den Ankündigungen des Koalitionsvertrags zurück zu bleiben.

Deshalb nimmt sich der Präsident nun die Zeit für das, was man in Frankreich faire de la pédagogie nennt. Er redet mit Engelszungen, versucht zu erklären, warum nur sein Weg zum Ziel führen kann. Am vergangenen Donnerstag begann er seine Pädagogik-Woche in einer Kleinstadt der Normandie. Während der mittäglichen Nachrichtensendung des Privatsenders TF1, die durchschnittlich von fünf Millionen Zuschauern im ländlichen Raum gesehen wird, versuchte Macron dort vor einem durchaus nachsichtigen Interviewer, sein Image als Präsident der reichen Großstädter abzustreifen. Wenn man den Umfragen nach der Sendung trauen darf, war die Reise in die Provinz ein Flop: Drei Viertel der Befragten fanden ihn zu wenig demütig, 70 Prozent kritisierten, er sei nicht nah genug an den Menschen.