Vor dem Showdown – Seite 1

Seit das FBI am Montag die Räume von Donald Trumps langjährigem persönlichen Anwalt Michael Cohen in New York durchsuchen ließ, ist der US-Präsident so aufgebracht wie schon lange nicht mehr. Denn der Sonderermittler Robert Mueller rückt ihm immer näher.

Mueller leitet die Ermittlungen zu möglichen Russland-Verstrickungen des Trump-Teams, und seit nun fast elf Monaten hört er nicht auf, Fragen zu stellen und Dokumente zu sammeln. Zwar hat Mueller die Durchsuchung in New York nicht selbst veranlasst, aber er hatte Informationen aus seinen Ermittlungen an den New Yorker Staatsanwalt weitergeleitet, der daraufhin weitreichend die Kommunikation zwischen Trump und Cohen beschlagnahmte. Vor allem war es den Ermittlern um die 130.000 Dollar Schweigegeld gegangen, die Cohen kurz vor der Präsidentschaftswahl an die Pornodarstellerin Stormy Daniels zahlte, die eine Affäre mit Trump gehabt haben will.

In Washington stellt sich dieser Tage jeder die Frage: Wird Trump Mueller dieses Mal entlassen? Mindestens zweimal wollte der Präsident das bereits. Zuerst im Juni und dann erneut im Dezember, als Mueller für seine Ermittlungen auch Trumps Finanzen in den Blick nahm. Beide Male konnte er durch massiven Druck von Beratern davon abgebracht werden. Auf die Frage, ob er nun erneut über Muellers Entlassung nachdenke, antwortete Trump am Dienstag: "Viele Leute haben mir dazu geraten, wir werden sehen. Das Ganze ist eine Schande. Es ist ein Angriff auf unser Land."

Sieben Anklagen hat Mueller bereits erhoben, in fünf Fällen haben sich die Angeklagten für schuldig erklärt und kooperieren mit dem Ermittler. Mueller macht all das still und leise, so gut wie nichts dringt über seine Arbeit nach außen. Damit hat er weit über die eigentlichen Ermittlungen hinaus längst eine ganz andere Bedeutung gewonnen. Mueller ist zum Symbol für so etwas Großes wie das Funktionieren des Rechtsstaats in den USA geworden.

Kann Trump den Rechtsstaat mit den Mitteln der PR aushebeln?

Und diesem Mann hat Trump längst den Krieg mit seinen ganz eigenen Mitteln erklärt. In einem Tweet warf er Mueller kürzlich zum ersten Mal direkt vor, eine Hexenjagd auf ihn zu betreiben, und die konservativen Medien folgten der Vorgabe sofort verlässlich und erinnerten immer wieder daran, dass von den 16 Anwälten, die für Mueller arbeiten, 13 Demokraten sind. Trump greift Mueller an, während er momentan eigentlich keine juristische Beratung in der Sache hat. Sein Anwalt John Dowd, der immer zur Kooperation mit dem Ermittler geraten hatte, hat gekündigt. Trump scheint das nicht zu beunruhigen, denn er sieht Mueller wie alles in seinem Leben nicht als juristisches, sondern als ein reines PR-Problem. Dafür braucht er keinen Anwalt. Wie man mit schrillen Mitteln Aufmerksamkeit erreicht und mit Lügen Zweifel sät, das weiß Trump selbst. Er hat seine Karriere darauf aufgebaut. Und so führt Trump die öffentliche Meinung gegen den Rechtsstaat zu Felde.

Und er ist erfolgreich damit. Die Zustimmung für Mueller sinkt unter Republikanern immer weiter, und die Werte für Trump steigen. Mehr noch, Trump hat mit 42 Prozent Zustimmung für seine Präsidentschaft die besten Umfragewerte seit Langem. Kann Trump den Rechtsstaat mit den Mitteln der PR aushebeln? Was dieser Tage in Washington zu beobachten ist, ist der Showdown zweier Männer, die für zwei sehr unterschiedliche Versionen von Amerika stehen. Dabei hatte ihr Leben auf den ersten Blick sehr ähnlich begonnen.

Wie Donald Trump, 71, wurde auch Robert Swan Mueller III, 73, in New York geboren. Wie Trump stammt Mueller aus einer sehr wohlhabenden Familie, die viel von ihm erwartete. Beide gingen zuerst auf eine private Jungenschule und später auf eine Eliteuniversität. Beide spielen gern Golf. Beide haben ihr ganzes Leben fast hauptsächlich in ihren Büros verbracht.

Doch während Trump der Sohn eines Aufsteigers ist, stammt Mueller aus der alten Elite der USA. Er gehört sozusagen zum amerikanischen Adel, für den Leute wie die Trumps immer kulturlose Neureiche waren. Für Leute wie die Trumps dagegen waren Familien wie die Muellers immer elitäre Snobs. Es sind Klischees, doch es gibt kaum zwei Männer, die sie besser ausfüllen als Trump und Mueller.

"Ich kriege nicht so schnell blaue Flecken"

Mueller ging wie die Vanderbilts oder Astors auf ein Eliteinternat in Neuengland, studierte Politik in Princeton und Internationale Beziehungen in New York. Er meldete sich freiwillig, um in Vietnam zu kämpfen. Danach studierte er Jura und begann als Staatsanwalt zu arbeiten. Zu seinem Mythos hat beigetragen, dass er nach einem Zwischenspiel bei einer hoch dotierten Anwaltskanzlei wieder zurück in den einfachen Staatsdienst wechselte. Es heißt, es habe ihm keinen Spaß gemacht, Schuldige zu verteidigen.

Als ihn sein Stellvertreter später im Justizministerium einmal darauf hinwies, dass er sich die Fälle, in denen er Anklage erhebt, gut aussuchen müsse, weil ihm Washington bei Misserfolg das Leben sehr schwer machen könne, schaute ihn Mueller eindringlich an und sagte: "Ich kriege nicht so schnell blaue Flecken."

2001 wurde Mueller FBI-Direktor und baute die Bundespolizei zu einer straffen Organisation um. "Tage, an denen Mueller auf Dienstreise war, waren wie Ferien", sagt sein ehemaliger Mitarbeiter Ron Hosko. Und dennoch konnte Mueller enorme Loyalität unter seinen Mitarbeitern erzeugen. Denn an seiner Integrität zweifelte niemand, sagt Hosko.

Aber schafft es Mueller, seine Ermittlungen abzuschließen, bevor Trump seine Basis ausreichend gegen ihn aufgebracht hat? 

Am Ende entscheiden die Republikaner

Den Vorwurf, dass er nur Demokraten in seinem Team habe, die eine Hexenjagd auf Trump veranstalten, hat Mueller mit der Durchsuchung von Cohens Räumen geschickt gekontert. Der New Yorker Staatsanwalt Geoffrey Berman, der die Durchsuchung veranlasst hat, ist Republikaner und wurde erst im Januar von Trump eingesetzt. Und Rod Rosenstein, der stellvertretende Justizminister, der die Aktion abgezeichnet hat, ist ebenfalls Republikaner. 

Zudem verhandeln Muellers Mitarbeiter mit Trumps Leuten gerade darüber, wann und wie die beiden Männer aufeinandertreffen werden. Mueller will Trump zum Vorwurf der Rechtsbeugung im Zusammenhang mit der Entlassung des ehemaligen FBI-Direktors James Comey befragen. Es wäre ein Treffen ohne Öffentlichkeit und mit Spielregeln, die Mueller weitaus besser beherrscht als Trump. Es wäre ein Treffen in Muellers Welt.

Trumps Unterstützer mobilisieren deshalb schon einmal die Basis für den Fall, dass Trump Mueller vorher entlässt. So schickten die "Biker für Trump" am Dienstag eine Massenmail heraus, in der sie den Ermittler als außer Kontrolle geraten verunglimpfen, als einen Mann, dem es nicht um die Wahrheit gehe, sondern nur darum, dem "Sumpf" die Macht zurückzugeben.

Je klarer Trumps Basis sich gegen Mueller wendet, desto unwahrscheinlicher wird es nämlich, dass die Republikaner ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump einleiten, sollte der Mueller entlassen. Mit dem Impeachment würden sie Trump zwar für einen massiven Eingriff in ein rechtsstaatliches Verfahren bestrafen und die demokratischen Normen verteidigen. Aber sie hätten auch Trumps Basis für die Kongresswahlen im November verloren. Und bislang hat sich die Partei in vergleichbaren Situationen immer gegen die demokratischen Regeln und für die Macht entschieden. Das wäre dann der Showdown in Trumps Welt.