Auf die Luftangriffe folgt die Diplomatie: Nach einer bereits am Wochenende im UN-Sicherheitsrat eingebrachten Resolution planen die USA, Frankreich und Großbritannien den nächsten Vorstoß. Am Montag wollen sie Vorschläge vor dem New Yorker UN-Gremium und beim EU-Außenministertreffen in Brüssel vorlegen. Ziel sei es, "mit allen, die das wollen, den Fahrplan festzulegen", sagte Frankreichs Chefdiplomat Jean-Yves Le Drian – und warnte zugleich vor dem nächsten humanitären Desaster in der Rebellenprovinz Idlib.

In Syrien selbst ist derweil wenig zu spüren von den Vorstößen aus dem Westen. Während sich das Regime völlig unbeeindruckt zeigt von den Luftschlägen der USA, Frankreichs und Großbritanniens, sangen viele Menschen in Damaskus patriotische Lieder auf der Straße und schwenkten Fahnen: syrische, russische und solche der radikalislamischen Hisbollah im Libanon.

Regimeanhängerinnen und -anhänger huldigten Syriens Präsidenten Baschar al-Assad und skandierten "Baschar, wir folgen deinen Befehlen – und wenn die Welt in Flammen aufgeht". Andere zeigten sich erleichtert, dass die nächtlichen Angriffe der Alliierten nur etwa 45 Minuten dauerten und dass nach bisherigen Erkenntnissen keiner starb. "Wir sagen Trump, du kannst nichts machen. Wir feiern hier, um dir zu zeigen, dass du am Ende bist", sagte eine Demonstrantin im Staatsfernsehen.

Armee verkündet Rückeroberung Ostghutas

Das syrische Präsidialamt verbreitete am Samstag ein kurzes Video, auf dem Assad demonstrativ mit Aktentasche in der Hand durch die prächtigen Marmorhallen seines Palastes schlendert. "Diese Aggression wird Syrien und sein Volk nur noch entschlossener machen, den Kampf fortzuführen und den Terrorismus in jedem Zentimeter des Landes auszumerzen", sagte er.

Das syrische Oberkommando gab bekannt, die Armee habe nun auch in der Stadt Duma und damit in der gesamten Provinz Ostghuta die Kontrolle übernommen. Drei Tage zuvor waren die letzten Rebellen der Gruppierung Dschaisch al-Islam mit ihren Familien nach Nordsyrien gebracht worden. Der mutmaßliche Giftgaseinsatz und die verheerende Lage in Ostghuta waren es auch, der die westlichen Verbündeten nach offizieller Verlautbarung letztlich zum erneuten militärischen Eingreifen bewegt hatte.

Luftangriffe in Syrien

Quelle: Conflict Monitor, New York Times. Stand: 14. April 2018. Grafik: ZEIT ONLINE

Mindestens 43 Menschen waren am Samstag vor einer Woche nach einem Luftangriff des Regimes in Duma in Schutzräumen erstickt. Mehr als 500 weitere wurden verletzt. Viele der Opfer wiesen Symptome auf, die auf den Einsatz von Nervengift hindeuten. Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste gibt es Anhaltspunkte, dass zum fraglichen Zeitpunkt zwei syrische Hubschrauber Granaten mit einer Mischung aus Chlorgas und Sarin abwarfen. Um Genaueres herauszufinden, begann am Sonntag ein Team der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) mit Analysen vor Ort.

Kein Platz für Regimegegner

Doch den westlichen Partnern genügten offenbar die bisher bekannten Anhaltspunkte, um ihre Vergeltungsangriffe zu fliegen. Nach Angaben des Pentagon war die Zahl der abgefeuerten Raketen etwa doppelt so hoch wie vor einem Jahr, als ein Giftgasangriff die Stadt Chan Scheichun im Norden Syriens getroffen hatte. Damals feuerten US-Kriegsschiffe im Mittelmeer 59 Marschflugkörper ab und zerstörten Startbahnen und Flugzeugbunker auf der Luftwaffenbasis Al-Schairat in Zentralsyrien. Eine Woche später waren sie wieder einsatzfähig. Diesmal galten die Attacken dem chemischen Forschungsinstitut Barzeh bei Damaskus und zwei Militärbasen nahe Homs, auf denen Chemikalien für Giftgasbomben lagern sollen.

Die Rückeroberung von Ostghuta ist für den syrischen Diktator ein ähnlich spektakulärer Erfolg wie ein Jahr zuvor der Sieg über die Rebellen in Ostaleppo. Assad kontrolliert jetzt praktisch alle wichtigsten Teile des Staatsgebietes, in denen die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung lebt. Nennenswerten militärischen Widerstand von Aufständischen muss das Regime nun nicht mehr fürchten; Rebellen beherrschen neben zwei Enklaven nahe Homs und im Südwesten rund um Daraa nur noch die Nordprovinz Idlib.

Auch die syrisch-kurdischen Gebiete an der Grenze zur Türkei, die in den letzten Jahren eine gewisse, von Damaskus geduldete Autonomie besaßen, hatten wegen der türkischen Belagerung der Grenzenklave Afrin vor einigen Wochen das Regime zur Hilfe gerufen. Parallel dazu mehren sich die Anzeichen, dass die Machthaber in Damaskus ein Nachkriegssyrien planen, in dem Millionen von Regimegegnern, die sich derzeit als Flüchtlinge außerhalb ihrer Heimat aufhalten, keinen Platz mehr haben sollen.

mit Material von Agenturen