Donald Trump hatte seine Optionen in Syrien schnell selbst begrenzt, mindestens in eine Richtung: Die Verantwortlichen für den jüngsten Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Duma würden einen "hohen Preis" dafür zahlen, drohte der US-Präsident am Wochenende. Später sprach er von einer wuchtigen Antwort auf diese "Gräueltaten": "Wir können das nicht zulassen. In unserer Welt können wir das nicht zulassen."

Gar nicht zu reagieren war damit ausgeschlossen – obwohl Trump noch vor Kurzem signalisiert hatte, die USA würden sich bald ganz aus Syrien zurückziehen, der "Islamische Staat" sei ja besiegt. Am Mittwoch kündigte er dann den Angriff an, per Twitter am frühen Morgen: "Russland schwört, alle Raketen abzuschießen, die auf Syrien abgefeuert werden. Mach dich bereit, Russland, denn sie werden kommen."

Es wäre das zweite Mal, dass Trump mit einem Militärschlag auf einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien reagiert. Vor einem Jahr ließ er 60 Tomahawk-Raketen auf eine syrische Luftwaffenbasis abfeuern – eine Intervention, zu der sich sein Vorgänger nie hatte durchringen können. Aber es wirkte nur wie der entschlossene Schritt, endlich das Überschreiten der roten Linie zu bestrafen, die Barack Obama gezogen hatte. Zu oft hatte es eben keine Antwort auf die Verbrechen dieses Krieges gegeben. Und Trump setzte vor einem Jahr zwar ein Signal, doch es war schnell klar, dass es dabei bleiben würde: Über das enge Ziel der Bekämpfung des IS hinaus sollte es keine amerikanische Intervention in Syrien geben. Die Trump-Regierung machte damals deutlich: Der begrenzte Angriff diene der Abschreckung, es sei nicht der Beginn einer groß angelegten Offensive zum Sturz Baschar al-Assads.

Das Töten in Syrien konnte also weitergehen, den Diktator und seine Verbündeten schmerzte diese US-amerikanische Antwort kaum. Niemand hatte Interesse an einer Eskalation. Schließlich war auch den USA klar, dass Russland effektiv den Luftraum über Syrien kontrolliert und jede Konfrontation mit dem Regime auch eine Konfrontation mit dessen Schutzherrn Russland wäre. Daran hat sich wenig geändert.

"Wir wollen keine Eskalation in der Region"

Und so dürfte es auch diesmal bei einer überschaubaren Intervention bleiben, selbst wenn sich Frankreich und Großbritannien an einem Angriff beteiligen. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte sich mit Drohungen, auf einen erneuten Einsatz von Chemiewaffen in Syrien mit "gezielten Schlägen" reagieren zu wollen, schon vor Monaten in eine ähnliche Position wie Trump manövriert. Er hatte dabei nicht davor zurückgeschreckt, von einer roten Linie zu sprechen. Dass er jetzt gar nichts tut, ist schwer vorstellbar. Macron ist zudem bereits präziser geworden als Trump: Es sei möglich, "chemische Einrichtungen unter Kontrolle des Regimes" anzugreifen und zwar bereits in den kommenden Tagen, sagte er.

Die laut Macron ("Wir wollen keine Eskalation in der Region") enge Abstimmung zwischen den USA, Frankreich, Großbritannien und anderen Nato-Partnern ist ein weiteres Indiz dafür, dass nicht allein die Impulse des US-Präsidenten ausschlaggebend sind. Der wird sich vor allem an den Angriff vor einem Jahr erinnern, der sich im Nachhinein als äußerst populär herausstellte, vielleicht sogar gerade weil er eher symbolischen Charakter hatte. Denn: Der Schaden hielt sich in Grenzen, es brach nicht gleich der große Krieg mit Russland aus, aber Trump konnte ganz den harten und entschlossenen Oberbefehlshaber geben und die Gewissen vieler waren beruhigt: Wir haben endlich etwas getan.

Als Abschreckung gegen einen erneuten Chemiewaffeneinsatz hat der damalige Raketenangriff jedenfalls nicht funktioniert. Das wäre zumindest ein Argument dafür, diesmal mit einer größeren Intervention zu rechnen. Auch die voraussichtliche Beteiligung Frankreichs spricht für eine deutlichere Reaktion als vor einem Jahr – womöglich sogar mit Angriffen auf mehr als nur ein Ziel. Wenn es bei der Abschreckung als Absicht bleibt – und mit einer umfassenden Operation gegen das Regime rechnet kaum jemand –, wird es durchaus heikel, die Balance zu halten: Zu wenig würde das Signal senden, dass auch weiterhin niemand gewillt ist, die internationalen Normen gegen den Einsatz von Chemiewaffen durchzusetzen; zu viel würde das Risiko einer Eskalation unkalkulierbar machen. Russland hat nicht nur angekündigt, die eingesetzten Raketen abfangen zu wollen. Russland kündigte auch an, die Objekte anzugreifen, von denen sie abgefeuert würden.

Ob der Militärschlag noch erfolgt, bevor ein Expertenteam der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) vor Ort weitere Informationen sammeln kann, ist nicht geklärt. Das Regime und Russland bestreiten, dass es überhaupt einen Angriff mit Chemiewaffen gegeben hat. Oder sie sprechen wahlweise von einer Inszenierung, die nur einen Vorwand für eine Intervention liefern solle. Auf die ist aber nun wirklich niemand heiß, nicht einmal Trump. 

Egal für wie deutlich die USA und andere schon jetzt die Beweise gegen das Regime halten mögen: Im Grunde hat sich der Westen längst damit abgefunden, dass Assad und seine Verbündeten den Krieg gewinnen und er nichts dagegen tun kann.