Syrien und Russland haben das Ermittlerteam der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) bislang nicht nach Duma gelassen, wo die Bevölkerung am 7. April mit Giftgas angegriffen worden sein soll. Auf einer Pressekonferenz in der russischen Botschaft am OPCW-Sitz in Den Haag sagte Botschafter Alexander Schulgin, die Inspekteure dürften erst am Mittwoch nach Duma reisen. Bereits am Samstag waren sie in Damaskus eingetroffen. Ihre Weiterreise war bislang unter Verweis auf "Sicherheitsprobleme" nicht erlaubt worden. Nun hieß es auf der Pressekonferenz, die Straßen nach Duma müssten erst noch von Minen geräumt werden.

Am Montag hatte zunächst die britische Botschaft in den Niederlanden auf Twitter darüber berichtet, dass sich die OPCW-Experten weiterhin in Damaskus befänden. Die schwedische Delegation bestätigte den Vorwurf später. Beide Länder beriefen sich auf den Bericht des Generaldirektors der OPCW, Ahmet Üzümcü, an diesem Montag während einer Dringlichkeitssitzung des Exekutivrats der Organisation in Den Haag. Später bestätigte auch die Organisation, dass ihre Experten immer noch nicht weiterreisen durften.

In dem Tweet des britischen Botschafters hieß es: "Russland+Syrien haben den Zugang zu Duma noch nicht erlaubt. Uneingeschränkter Zugang unerlässlich." Während der Sitzung warf der britische Botschafter Peter Wilson der russischen Regierung vor, "seit 2016 jede OPCW-Ermittlung zu Vorwürfen gegen das Regime wegen des Einsatzes von Chemiewaffen zu untergraben".

OPCW-Generaldirektor Üzümcü sagte, die syrischen Behörden hätten in der Zwischenzeit angeboten, 22 Personen als Augenzeugen zu befragen. Sie würden dafür nach Damaskus gebracht. Das Team aus neun Experten müsste sich aber "so schnell wie möglich" einen Überblick in Duma verschaffen können, sagte Üzümcü.

"Das ist eine Erfindung der Briten"

Die OPCW-Sitzung mit Diplomaten aus 41 Ländern war das erste internationale Treffen nach dem Raketenangriff führender Westmächte auf Ziele in Syrien. Die Vorwürfe insbesondere gegen Russland – laut des US-Vertreters bei der OPCW soll Russland die Tatorte in Duma manipuliert und Beweise vernichtet haben – weist die Führung in Moskau zurück. "Das ist vollkommen ausgeschlossen. Das ist eine weitere Erfindung der Briten", sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Die Arbeit der OPCW-Ermitler habe sich vielmehr wegen der US-Luftangriffe verzögert. Schulgin bezeichnete den Einsatz von Chemiewaffen erneut als Inszenierung des Westens, um den Militärschlag gegen Syrien vom vergangenen Wochenende zu rechtfertigen.

Frankreich - Emmanuel Macron rechtfertigt Luftschlag auf Syrien Der französische Präsident hat den Angriff auf mehrere Ziele in Syrien als legitim bezeichnet. In einem Interview erklärte er außerdem, dass er den US-Präsidenten Donald Trump überzeugt habe, Truppen in Syrien zu belassen. © Foto: Francois Guillot/Getty Images

Derzeit halten sich die Inspekteure in Damaskus auf. Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf den stellvertretenden syrischen Außenminister Faisal al-Mukdad berichtete, würden sich die Giftgasexperten derzeit mit Regierungsmitarbeitern treffen, um über die "Kooperation" mit den Behörden vor Ort zu beraten. Die "Präzision, Transparenz und Unparteilichkeit" der Mission stehe im Vordergrund. Über den weiteren Zeitplan wurde eine strikte Nachrichtensperre verhängt.

Syrisches Giftgasprogramm zerstören

Der Westen – allen voran die USA, Großbritannien und Frankreich – macht die syrische Staatsführung für den mutmaßlichen Giftgasangriff vom 7. April in der Stadt Duma in der einstigen Rebellenenklave Ostghuta verantwortlich. Bei der Attacke wurden nach Angaben von Helfern mehr als 40 Menschen getötet. In der Nacht zum Samstag hatten die Streitkräfte der USA, Frankreichs und Großbritanniens Ziele in Syrien mit Raketen angegriffen. Nach Angaben aus Washington und Paris richteten sich die Angriffe gegen Einrichtungen zur Chemiewaffenproduktion. Die französische Regierung forderte, der OPCW "nun die Mittel an die Hand zu geben, um die Zerstörung des syrischen Chemiewaffenprogramms zu vollenden".

Luftangriffe in Syrien

Luftangriffe in Syrien

Quelle: Conflict Monitor, New York Times. Stand: 14. April 2018. Grafik: ZEIT ONLINE