Der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien darf nicht ohne Folgen bleiben. Wer würde da widersprechen? Unabhängig davon, wer es eine rote Linie nennt, es sollte eine sein: Diese Kampfmittel sind international geächtet, und das ist nur etwas wert, wenn eine solche Norm auch durchgesetzt wird – Verstöße dagegen also bestraft werden. Es geht um Abschreckung, im Grunde hat US-Präsident Donald Trump das ganz richtig festgestellt: Wer so etwas tut, muss einen "hohen Preis" bezahlen, damit er es nicht wieder tut. Und nein, das bedeutet nicht automatisch, dass Raketen fliegen müssen. Gewalt bleibt das letzte Mittel. Aber ohne geht es manchmal nicht.

Widersprechen werden dieser Sicht sicher viele. Manche aus einem naiven Pazifismus heraus, der glaubt, es müssten sich doch nur alle mal an einen Tisch setzen und den Weltfrieden beschließen. Das geht oft einher mit einem seligen Nationalismus, der sich vormacht, das ginge uns alles nichts an, und der vom Völkerrecht immer nur das Lieblingsprinzip vor sich herträgt: nicht einmischen. Von der Idee einer Schutzverantwortung, für jene, die in Syrien vertrieben und vernichtet werden, keine Spur. Damit das Weltbild passt, wird noch schnell auf die imperialistischen USA geschimpft und der Diktator Baschar al-Assad als heroischer Kämpfer gegen den Terrorismus verklärt, sein Patron Wladimir Putin sowieso.

Aber auch wer das anders sieht, also überzeugt davon ist, dass der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien nicht einfach hingenommen werden kann, darf es sich in diesen Tagen nicht zu einfach machen. Selbst wer es für richtig hält, wenn nun die USA, Frankreich und Großbritannien einen begrenzten Angriff auf militärische Infrastruktur in Syrien anführen, sollte sich eine entscheidende Frage stellen: Ist das der Anfang einer robusteren Strategie des Westens für diesen Krieg oder nur der Ersatz für eine?

Letzteres steht zu befürchten, also kann sich niemand ruhigen Gewissens schlafen legen. Es träumt sich leichter mit dem Gedanken, jetzt werde ja endlich etwas getan gegen das Schlachten. Aber das ist leider eine Illusion.

Wenn Giftgas in Keller dringt, wo Menschen vor den Angriffen des syrischen Regimes Schutz suchen, mag das der Gipfel der Perfidie sein. Gemessen an sieben Jahren Krieg, in denen Hunderttausende durch Bomben und Granaten getötet wurden, unter Belagerung durch Hunger und fehlende medizinische Versorgung gestorben sind, sind Chemiewaffen nur ein kleiner Teil des fortwährenden Grauens.

Die Forderung, die internationale Gemeinschaft müsse eingreifen, sie dürfe nicht länger wegsehen, ist nicht mit einer einmaligen überschaubaren Intervention erfüllt – die selbst den erneuten Einsatz von Chemiewaffen nur im besten Fall verhindern wird.

Das ist kein Argument für einen größeren militärischen Einsatz, der sich umfassend gegen das Regime richtet und den Sturz Assads zum Ziel hätte. Das wäre inzwischen ein Krieg auch gegen Russland und den Iran, ein Wahnsinn mit unkalkulierbaren Folgen: Selbst wenn es halbwegs gut ginge, wäre es doch nur der Weg in ein anderes Chaos in Syrien, nicht die Lösung.

Deshalb muss dringend ein Plan her, der die unangenehme Realität anerkennt: Assad wird bleiben, Russland und der Iran werden in Syrien nicht das Feld räumen. Denn das ist nicht nur der Grund, warum die zu erwartende Intervention begrenzt bleiben muss. Es ist der Maßstab dafür, ob eine Intervention überhaupt zu rechtfertigen ist: Wie will der Westen mittel- und langfristig mit dieser Lage umgehen? Welches Ziel verfolgt er nach diesem Schlag? Mit welchen Mitteln will er diesen Krieg wenigstens einfrieren, also diplomatische Ergebnisse erzwingen? Denn ohne eine solche Strategie werden die Raketen schon bald wieder vergessen sein, und das Töten geht weiter.