Nach dem vermuteten Einsatz von Chemiewaffen in Syrien hat US-Präsident Donald Trump am Mittwoch einen Militärschlag gegen syrische Ziele angekündigt. Später schwächte seine Sprecherin die Aussage wieder ab, ein militärisches Eingreifen ist damit aber keineswegs vom Tisch. Sollte es dazu kommen, wird der Angriff wahrscheinlich so ablaufen wie vor einem Jahr, als die US-Marine den Militärflughafen, von dem aus die syrische Luftwaffe einen Angriff auf den Ort Chan Scheichun geflogen hatte, mit Cruise-Missiles beschoss.

An der Gesamtlage wird Trump aber nichts ändern, schon allein deshalb nicht, weil die US-Regierung von ihrem alten Ziel eines Sturzes von Baschar al-Assad lange abgerückt ist. Daher wird sie auf eine breiter angelegte Attacke verzichten.

Viel wichtiger für die Zukunft von Syrien ist die erst vor wenigen Tagen von Trump aufgebrachte Frage nach einem Abzug der rund 2.000 US-Soldaten aus Syrien. Anfang April überraschte der US-Präsident mit der Ankündigung, dass diese das Land rasch verlassen würden. Seine militärischen Berater überredeten ihn mit offenbar großer Mühe, noch einige Monate zu warten. Doch das Weiße Haus beharrte darauf, dass die Partner in der Region – gemeint war wohl in erster Linie Saudi-Arabien – die Aufgaben in Syrien übernehmen sollten.

Da Trump sich immer wieder bemüht, seine Versprechen aus dem Wahlkampf einzulösen – und der Abzug der US-Truppen aus Kriegsgebieten in Afrika, im Nahen Osten und Südasien gehört dazu –, muss diese Ankündigung ernst genommen werden. Ein solcher Rückzug aus Syrien hätte für das Land, die Region und auch für Europa weitreichende Folgen.

Der IS könnte erstarken

Ein US-Rückzug würde vor allem Druck vom "Islamischen Staat" (IS) nehmen. Die US-Truppen befinden sich in Syrien, um dort gegen die Terrormiliz zu kämpfen. Gemeinsam mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) ist es ihnen seit Ende 2014 gelungen, die syrischen Gebiete östlich des Euphrat von den Dschihadisten zu befreien. Die Kooperation begann im September 2014, als die US-Luftwaffe durch Angriffe auf IS-Einheiten versuchte, die Einnahme von Kobane zu verhindern. Die Schlacht um die kurdische Stadt wurde zum Ausgangspunkt einer erfolgreichen Kampagne, bei der die USA ihre Luftwaffe und Spezialkräfte und die syrischen Kurden das Gros der Bodentruppen stellten – und die 2017 mit der Zerschlagung des syrischen Teils des IS endete.

Im Januar 2018 erlitt der Feldzug allerdings einen großen Rückschlag, als türkisches Militär in die syrisch-kurdische Region von Afrin im Nordwesten einmarschierte. Daraufhin stellten die Kurden die Kämpfe gegen die letzten IS-Widerstandsnester am Euphrat nahe der Grenze ein, weil sie Einheiten nach Norden verlegten. So wollten sie verhindern, dass die türkische Armee weiter nach Osten vorrückt.

Sollten die USA ihre Truppen tatsächlich abziehen, könnten die Kurden den Kampf gegen die verbliebenen IS-Kämpfer nicht fortführen. Wahrscheinlich würden syrische Regierungstruppen mit russischer und iranischer Unterstützung versuchen, die letzten IS-Verstecke einzunehmen. Es wäre aber sehr fraglich, ob es ihnen gelingen würde, die Lage in den Orten am Euphrat unter Kontrolle zu halten. Denn es fehlt ihnen an Personal, und die Gebiete am Euphrat sind schon lange IS-Zentren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der IS in dieser Situation auch längerfristig im syrischen Untergrund überleben und eines Tages wieder erstarken kann.

Die Türkei würde nach einem Abzug der US-Truppen freie Hand in ihrem Kampf gegen die Kurden erhalten. Dies wäre besonders gefährlich, weil Präsident Erdoğan schon seit Monaten einen aggressiveren Kurs verfolgt, der in der Einnahme von Afrin im März einen Höhepunkt hatte. Die türkische Regierung sieht in der Partei der Demokratischen Union (PYD) und den zu ihr gehörenden YPG einen Ableger der türkischen PKK, obwohl die syrischen Kurden penibel darum bemüht waren, den großen Nachbarn nicht zu provozieren.