Eine neue Kuba-Krise? Ein neuer Kalter Krieg? Diese Begriffe wurden im Zusammenhang mit dem jüngsten US-Schlag in Syrien immer wieder alarmistisch wiederholt. Vor allem seit der Krim-Annexion ist es fast zu einem Allgemeinplatz geworden, die gegenwärtige Konfrontation zwischen Russland und den USA mit dem Kalten Krieg gleichzustellen. Doch wie sinnvoll ist dieser Vergleich?

"Kalter Krieg" – das klingt für die meisten nach dem Eisernen Vorhang zwischen Ost und West, zwei unvereinbaren ideologischen Systemen, Aufrüstungsspirale und vor allem nach einer ständigen Angst davor, dass zwei Großmächte einander und die ganze Welt mit einem Nuklearschlag vernichten könnten. Ausgerechnet diese Angst macht den Begriff auf emotionaler Ebene so wirksam. Wenn vom neuen Kalten Krieg die Rede ist, wird oft suggeriert, der Westen müsse eine neue Entspannungspolitik gegenüber Russland betreiben, um Schlimmeres zu verhindern.

Die Welt sieht jedoch heute anders aus als zur Zeit der Kuba-Krise. Es gibt keinen Wettlauf mehr zwischen zwei wirtschaftlichen und ideologischen Systemen, die darauf zielen, sich in der Welt auszubreiten und das jeweils andere System zu ersetzen. Der russische Staatskapitalismus ist an die Stelle der Planwirtschaft getreten. Eine allumfassende Ideologie hat Russland heute nicht. Es versucht jedoch, ein Narrativ zu schaffen, das liberale Demokratie zu einer heuchlerischen Erfindung des Westens erklärt, die dem Rest der Welt nicht passt. Nationalismus und konservative Werte sind weitere Pfeiler dieses Gedankengutes, mit dem Russland versucht, rechte Populisten auch im Westen auf seine Seite zu ziehen. Moskau würde am liebsten die "illiberale Internationale" anführen, doch wenig deutet bis jetzt darauf hin, dass Autokraten jedweder Art eine solche Führung aus Moskau brauchen.

Ost gegen West, so einfach ist das nicht

Das führt dazu, dass es auch keine Blöcke wie im alten Kalten Krieg gibt. Ungarn und die Türkei bleiben weiter in der Nato, auch wenn Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdoğan keine Freunde der liberalen Demokratie sind. Die Türkei hat etwa gerade den US-Schlag auf die syrischen Chemiewaffeneinrichtungen begrüßt, worauf der Kremlsprecher Dmitri Peskow schnell sagte, das werde Russland und die Türkei nicht trennen und die künftige Zusammenarbeit nicht beeinflussen. Stellen Sie sich das während der Kuba-Krise vor!

Die heutigen Allianzen sind oft taktisch und situativ, die Grenzen zwischen Freund und Feind fließend. Russland ist wirtschaftlich nicht dazu in der Lage, zum Zentrum eines neuen Ostblocks zu werden. Zudem würden sich viele Länder jetzt lieber aus der Konfrontation komplett raushalten, als sich einem Bündnis anzuschließen oder zu einem Schauplatz für Stellvertreterkriege zu werden. Und sogar in Syrien wird nicht wirklich zwischen Russland und den USA um den Einfluss gerungen. Eher haben Russland, die Türkei und der Iran den Anspruch, über künftige Einflusssphären zu entscheiden. Die USA wollen nach dem begrenzten Schlag gegen die Chemiewaffenindustrie nichts Weiteres unternehmen, um dem Regime von Baschar al-Assad zu schaden.

Es gibt keinen Eisernen Vorhang mehr

Die Ansprüche auf den globalen Einfluss sind sowohl in Russland als auch in den USA kleiner geworden. Denn im Kalten Krieg ging es um einen Wettlauf zwischen der stärksten und der zweitstärksten Wirtschaft der Welt. Heute ist die russische Wirtschaft kleiner als die Italiens, auf der anderen Seite könnten die USA auch bald von China als größte Wirtschaft der Welt überholt werden. Der russische Rückstand bei Technologien ist viel größer als jener der Sowjetunion. Und bei der Stärke konventioneller Waffen ist Russland den USA eindeutig unterlegen.

Auch gibt es keinen Eisernen Vorhang in Europa mehr. Die Verbindungen russischer Unternehmen und Privatpersonen zum Westen sind viel enger. Die russische Wirtschaft ist von Rohstoffexporten in den Westen abhängig. Russische Firmen werden an der Börse in London gehandelt, Zehntausende russische Studenten gehen auf Universitäten im Ausland. Das Internet macht es unmöglich, den Austausch von Informationen komplett zu stoppen, das haben auch russische Behörden gelernt, als sie am Montag versuchten, den Messenger-Dienst Telegram zu sperren und dabei mehrere Millionen IP-Adressen von Amazon und Google in Russland unzugänglich machten. Das dürfte auch unzählige russische Nutzer dazu gebracht haben, sich darüber schlau zu machen, wie sie VPN-Verbindungen nutzen können, um Sperrungen zu umgehen.