Der ehemalige türkische Präsident Abdullah Gül will bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl in der Türkei nicht gegen Amtsinhaber Recep Tayyip Erdoğan kandidieren. Sein Name sei ohne seine Einwilligung von einer kleinen islamischen Partei aufgebracht geworfen worden, sagte Gül. Er hätte nur dann eine Kandidatur in Erwägung gezogen, wenn eine größere Bewegung ihn unterstützt hätte. Eine solche Bewegung sei aber nicht zustande gekommen. Zuvor war Gül als möglicher Herausforderer Erdoğans gehandelt worden.

Gül äußerte sich besorgt über die politische und soziale Situation im Land. "Wir sind mehr beschäftigt mit gegenseitigen persönlichen Angriffen und politischem Taktieren anstatt mit dem, was gut ist für die Türkei", sagte er. Es gebe keine "positive Agenda".

Die Präsidentenwahl sollte ursprünglich im November 2019 stattfinden. Erdoğan hat sie jedoch am 18. April um mehr als ein Jahr vorgezogen. Sie findet nun zeitgleich mit der Parlamentswahl am 24. Juni statt. Damit tritt auch das umstrittene Präsidialsystem früher in Kraft, für das im Verfassungsreferendum im April 2017 eine knappe Mehrheit stimmte. Der Präsident wäre dann als Staats- und Regierungschef in einem und mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet. Die Opposition wurde von Erdoğans Ankündigung überrascht und konnte sich bisher nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen.

Gül hatte 2001 zusammen mit Erdoğan die heutige Regierungspartei AKP gegründet. Er war nach dem ersten Wahlsieg der islamisch-konservativen AKP 2002 für kurze Zeit Ministerpräsident, danach Außenminister. 2007 wurde er trotz des Widerstands der alten säkularen Eliten zum Staatschef gewählt. Damals hatte die Position noch überwiegend repräsentative Aufgaben und deutlich weniger Vollmachten, als sie heute Erdoğan hat. Nachdem ihn Erdoğan 2014 als Präsident ablöste, zog er sich aus der Politik zurück.