Im März hat die türkische Armee die syrische Stadt Afrin von kurdischen Milizen erobert. Der Historiker und Publizist Rasim Marz ist Experte für die osmanische Geschichte und erklärt, was die jetzige Offensive mit der Vergangenheit zu tun hat:

Am Tag der Eroberung blickte der Präsident weit zurück. Das Militär hatte gerade in der syrischen Stadt Afrin die türkische Fahne gehisst, da erinnerte Recep Tayyip Erdoğan an einen anderen großen Sieg in der türkischen Geschichte: "So wie die türkische Nation Anspannung und Ehrgeiz im Kampf um Çanakkale bewegten, so gleichen sich heute die Gefühle wie einst bei diesem besonderen Ereignis, diesmal an anderen Grenzen." Dann zitierte er den nationalistischen Dichter Yahya Kemal: "Dieser Sturm, den du siehst, ist die türkische Armee. Es ist jene Armee, die auf dem Weg Gottes ihr Leben lässt. Herr, hilf dieser Armee, denn sie ist die letzte Armee des Islams."

Das war am 18. März 2018. Exakt am 103. Jahres- und Gedenktag  jener schicksalshaften Schlacht bei Çanakkale, die der Präsident beschwor. Ein Zufall der Geschichte war das nicht, sondern ein wahltaktischer Coup Erdoğans. Denn kaum ein Ereignis in der türkischen Geschichte ist so mythisch und passt so gut zur aktuellen Agenda des türkischen Präsidenten wie dieses.

Mythos Atatürk

Auf einer Halbinsel, unweit der heutigen türkischen Stadt Çanakkale entfernt, wurde eine der größten Schachten des Ersten Weltkrieges geschlagen: die Schlacht von Gallipoli. Sie entschied über Weiterbestand oder Untergang des Osmanischen Reiches. Briten und Franzosen versuchten 1915 erst mit einem erfolglosen Angriff zur See und später mit einer Invasionsstreitmacht, die Meerengen vor Konstantinopel, des heutigen Istanbuls, in ihre Gewalt zu bekommen. Das Ziel: die Hauptstadt des Sultans.

Doch der vom britischen Marineminister Winston Churchill forcierte Plan endete im Desaster. An jenem 18. März 1915 verlor der britisch-französische Flottenverband drei Schlachtschiffe und über 700 Matrosen. Bis Februar 1916 fielen über hunderttausend Soldaten auf den Höhen Gallipolis. Das tot geglaubte Osmanische Reich fügte dem Britischen Empire eine der schwersten Niederlagen seiner Militärgeschichte zu. Was für den Ersten Lord der Admiralität Winston Churchill das vorläufige Karriere-Aus bedeutete, begründete zugleich den Mythos des späteren Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, der sich als Oberst bei den Gefechten auf Gallipoli auszeichnete.

An diese Erfolgsgeschichte will Erdoğan nun anknüpfen. Der jetzige Sieg über die kurdische SDF/YPG bei Afrin soll ein ebenso großer Sieg über den Westen sein, wie es die mythische Schlacht vor über 100 Jahren war.

Schließlich haben die USA seit 2014 mit den kurdischen Milizen kooperiert. Und europäische Staaten hatten die Peschmerga, die Armee des kurdischen Nordirak, mit Waffen ausgerüstet, damit diese den IS bekämpfte. Später versicherte die PKK, einige dieser Waffen seien bei ihr gelandet. Die Terrororganisation PKK kämpft seit 1982 auf türkischem Gebiet gegen die Armee des Nato-Mitglieds Türkei.