Ein Duft von Bratwurst schwebt über der ausgelassenen Menschenmenge. Auf fast jedes der über die Großleinwand flimmernden Resultate aus den Wahlkreisen reagieren die siegestrunkenen Besucher der Wahlparty vor der futuristischen Glaskuppel des Balna-Kulturzentrums am Fővám-Platz mit frenetischen Beifallsstürmen. Ein Plakat mit der Aufschrift "Viktory" verkündet zwischen den eifrig gewedelten Nationalfahnen den erneuten und totalen Triumph von Ungarns machtbewusstem Dauerregenten.

"Viktor, Viktor" und "Ungarn, Ungarn", skandieren seine begeisterten Anhänger, als der Chef der rechtspopulistischen Fidesz-Partei endlich zu den Klängen des Roxette-Schmachtfetzens Listen to Your Heart zum Rednerpult schreitet. Von Rührung übermannt applaudiert Viktor Orbán seinem ihm applaudierenden Anhang zu. "Wir haben gesiegt!", ruft der Mann mit dem offenen Hemdkragen am Ende eines langen Wahlabends kurz vor Mitternacht dem glückseligen Publikum zu: "Wir haben eine große Schlacht geschlagen – und einen historischen Sieg errungen: Wir haben Ungarn verteidigt!"

Einen der ungewissesten Wahlgänge in Ungarns Geschichte hatten die heimischen Analysten vorab prophezeit. Und tatsächlich war das Ergebnis erst spät klar. Die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung an der von Orbán zur Schicksalswahl der Nation deklarierten Parlamentswahl sorgte für lange Schlangen vor den Wahllokalen und die verspätete Bekanntgabe der Hochrechnungen.

Fidesz kann Stimmenanteil steigern

Erst nachdem um 22.40 Uhr endlich der letzte der stundenlang ausharrenden Wähler in der Budapester Straße Eötvös utca sein Kreuzchen machen konnte, flimmerten den Ungarn die für die Opposition schlichtweg niederschmetternden Ergebnisse in die Wohnstuben: Statt wie erwartetet Wahlverluste zu erleiden, hat Fidesz kräftig zugelegt – und möglicherweise selbst ihre bei Nachwahlen verlorene Zweidrittelmehrheit wieder zurückerobert.

Nur 14 statt wie erhofft 40 Direktmandate konnte die zersplitterte Opposition Fidesz abluchsen. Zu wenig, um wie erwartet wenigstens eine Zweidrittelmehrheit zu verhindern, und viel zu wenig, um wie erhofft gar die Mehrheit von Orbán zu brechen. Die wenigen Direktmandate, die die Opposition hinzugewann, wurden durch herbe Verluste bei den Zweitstimmen für die Listenplätze kompensiert. Fidesz vermochte hingegen seinen Stimmanteil von knapp 45 auf über 48 Prozent zu steigern – und so die Zahl der ihm zufallenden Sitze auf 133 der insgesamt 196 Mandate zu erhöhen.

Rote Scheinwerfer leuchten das missglückte Nachtgartenfest im Schatten der Wohnblocks an der Mérnök utca aus. Eigentlich sei eine höhere Wahlbeteiligung für die Opposition immer gut, seufzt auf der gemeinsamen Wahlparty der sozialistischen MSZP und des alternativen Dialogs für Ungarn das MSZP-Vorstandsmitglied Balázs Bárány: "Aber auf dem Dorf kommt diese traditionell immer der Regierung zugute."

Vor allem die mangelnde Kooperation in den Oppositionsreihen macht der Mann, der zugunsten einer Kandidatin der grünen LMP seine eigene Kandidatur zurückzog, für deren erneutes Scheitern verantwortlich. Zu spät, zu wenig und zu zögerlich seien die Absprachen über eine gemeinsame Unterstützung des jeweils aussichtsreichsten Oppositionskandidaten erfolgt: "Die Zusammenarbeit war ein Witz. Bei einigen Parteien wie der LMP oder Momentum hatte ich das Gefühl, dass der Regierungswechsel für sie keine Priorität hatte, sondern eher die Entwicklung der Größe der eigenen Fraktion im nächsten Parlament."

"Voll auf die Antimigrantenkarte gesetzt"

Selbst die professionellen Beobachter der ungarischen Politik wirken nach dem langen Wahltag ermattet. Müde meldet sich nach Mitternacht der Analyst Bulscú Hunyadi im Taxi nach Hause am Telefon. Fidesz habe seine Wahlkampfanstrengungen in den letzten Wochen noch einmal "kräftig intensiviert", erklärt er dessen erstaunliche Zugewinne. Doch entscheidend sei wohl "die Einfachheit der Botschaft" von Fidesz gewesen: "Orbán hat im Wahlkampf voll auf die Antimigrantenkarte gesetzt – und das hat sich für ihn ausgezahlt."

Die letzten mit Mayonnaise-Eiern belegten Schnitten sind längst verputzt, die ersten Gäste schon vor der Übertragung der Ergebnisse gegangen. Von Verschwörungstheorien als Grund für das oppositionelle Scheitern hält der bärtige Dialog-Aktivist Balint nur wenig. Man müsse nicht unbedingt ein Agent sein, um irrational zu handeln, so seine oppositionsinterne Erfahrung. Morgen würden zwar alle Oppositionsparteien behaupten, dass sie auf die richtige und die anderen auf die falsche Strategie gesetzt hätten: "Aber es war bei einigen einfach nicht der unbedingte Wille vorhanden, um miteinander zu kooperieren."

Gewinner sind immer gefragt: In einer langen Reihe harren die Chronisten im verglasten Pressesaal-Aquarium des Bálna-Zentrums auf ein Interview mit dem Lautsprecher des Seriensiegers. Als "Sieg für die Demokratie" trotz aller "Anfeindungen und Denunziationen" würdigt Regierungssprecher Zoltán Kovács die hohe Wahlbeteiligung. Ungeachtet aller über Fidesz verbreiteten "Unwahrheiten und Feindseligkeiten" werde auch Ungarns künftige  Regierung vor allem für die Interessen des eigenen Volkes streiten: "Und das können Sie von uns auch nach den Wahlen erwarten: Für uns stehen die ungarischen Interessen zentral."

Tatsächlich hat Viktor Orbán mit seinem erneuten Triumph nicht nur seine Machtposition zementiert und seine Endlosära um eine vierte Amtszeit verlängert, sondern auch seine internationale Rolle als Leitbild der EU-skeptischen Rechten gestärkt. Nach dem Dank an seinen polnischen Seelenverwandten Jarosław Kaczyński stimmt der Premier erst das Kossuth-Lied und dann die Nationalhymne an. "Wir werden unseren Weg gemeinsam gehen", gelobt er seinen Anhängern. Der EU dürfte ihr Quälgeist wohl noch lange erhalten blieben.