Nach dem Katzenjammer die Angst: Wird die vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán geführte Regierung jetzt, mit dem großen Wahlsieg ihrer Partei Fidesz im Rücken, die Opposition mit Repressalien verfolgen? Angekündigt hatte Orbán das auf einer Kundgebung am 15. März, als er ausrief: "Nach den Wahlen werden wir selbstverständlich Genugtuung fordern, moralische, politische und auch juristische Genugtuung."

Mit anderen Worten: Die europäischen Partner Ungarns haben nach der Wahl vom Sonntag erst recht Grund, genau hinzusehen.

Als sich am gestrigen Vormittag eine im Vergleich zu 2014 deutlich höhere Wahlbeteiligung abzeichnete, schöpfte die ungarische Opposition noch Hoffnung. Fidesz könne nur auf einen fest gefügten Sockel von zwei Millionen Wählern zählen, hieß es, die jedes Mal zuverlässig in den Wahllokalen erscheinen, doch mehr sei nicht drin; jenseits einer Wahlbeteiligung über 65 Prozent würde die Zone der Gefahr für Orbán beginnen – so dachte man.

Bald jedoch stellte sich heraus, dass sich die erhöhte Wahlbeteiligung vor allem auf dem Land einstellte, also dort, wo Fidesz stark ist. Als kurz nach 23 Uhr dann die letzten Wähler ihre Stimmen abgegeben hatten, wurde das ganze Desaster der Opposition von rechts bis links offenbar: Bis auf wenige Ausnahmen ist Ungarn orange, und das ist die Farbe von Fidesz. Deren Listen heimsten über 48 Prozent der Stimmen ein, die Direktkandidaten der Regierungspartei setzten sich außerhalb Budapests sogar fast überall durch.

Dass Orbáns Partei die Mehrheit der Stimmen gewinnen würde, galt lange vor der Wahl als sicher. Unklarheit bestand indes über die Sitzverteilung im Parlament: einfache, absolute oder Zweidrittelmehrheit? Das komplizierte ungarische Wahlsystem ist so konstruiert, dass eine Partei durchaus zwei Drittel der Sitze erreichen kann, obgleich sie nicht über 50 Prozent der abgegebenen Stimmen kommt. Zwei Drittel sind politisches Gold: Wer über diese Mehrheit im Parlament verfügt, kann über personalpolitische Weichenstellungen etwa in der Justiz nach Gutdünken entscheiden.

Orbán ist jung genug für langfristige Strategien

In der Umgebung Orbáns wurde die Zweidrittelmehrheit ausgeschlossen, das Wahlziel von Fidesz war die absolute Mehrheit der Sitze. Umso größer die Überraschung der Sonntagnacht: Orbáns Partei landete ziemlich genau an der Grenze zur Zweidrittelmehrheit, und weil immer noch gezählt wird, ist es gut möglich, dass die nötigen 133 der 199 Sitze erreicht werden.

Nun könnte man lang und breit über Ungleichgewichte im Wahlsystem reden sowie über ein paar Unsauberkeiten des Verfahrens, aber das Resultat ist so eindeutig, dass es nicht wegdiskutiert werden kann. Es bestätigt die Strategie Orbáns. Er hatte die Wahl zur Entscheidung über die Fortexistenz Ungarns erklärt: Entweder Fidesz gewinnt, oder das Land wird von muslimischen Einwanderern überrannt. Man hat ihm geglaubt.

Und jetzt? Viktor Orbán ist 55 Jahre alt. Trotz seiner langen Zeit an der Macht also jung genug für langfristige Strategien. Er wird von nun an für den Wahlgang im Jahr 2022 vorsorgen.

Dass man rechtzeitig seine Macht sichern und die Truppen in Stellung bringen muss, diese Lehre hatte Orbán bereits nach der Wahlniederlage von Fidesz im Jahr 2002 gezogen. Als er dann im Jahr 2010 erneut in das höchste Staatsamt gelangte, ging er diesmal konsequent vor, baute die Verfassung, die Justiz und die Medien um und erlaubte es einer ihm ergebenen Gruppe von Geschäftsleuten, auf krummen Wegen Reichtum anzuhäufen. Man brauche eben eigene Oligarchen, um die Macht zu sichern, heißt es ganz offen in Orbáns Umgebung. Der Wahlsieg von 2014 war das Ergebnis.

Es folgten vier Jahre weiteren Machtausbaus, insbesondere in den Medien, und am Schluss eine beispiellose Hetzkampagne gegen die Opposition, die als Handlanger fremder Mächte bezeichnet wurde. Hat funktioniert.