Angela Merkel trifft in Sotschi Wladimir Putin in einer neuen, historisch höchst delikaten Situation. Zwischen Europa und den USA liegt viel im Argen. Donald Trump zertrümmert mit erschreckender Systematik die Institutionen und das gegenseitige Vertrauen im Westen. Der letzte Schlag war der Bruch des von den USA und Europa ausgehandelten Atomabkommens mit Iran.

Für all das hat Putin ein besonderes Gespür, mit seiner Deutschland-Erfahrung und als Hobbyhistoriker. Er weiß, dass das globale Ringen der USA und der Sowjetunion um Europa im Kalten Krieg davon abhing, wer den großen Preis Deutschland bekam. Der Kompromiss war die Teilung, zementiert mit der von den Kommunisten gebauten und von den USA hingenommenen Mauer durch das Land. Nach 1989 ging das ganze Deutschland im Westen auf, was Putin rückblickend als Niederlage sieht. Der russische Präsident denkt – bei aller taktischen Spontaneität – in historischen Dimensionen. Und die Geschichte, die ist eben nicht zu Ende.

Schon beim Besuch von Außenminister Heiko Maas in Moskau in der vergangenen Woche zeigte sich Sergej Lawrow für seine Verhältnisse entspannt und bemüht um einen konfliktfreien Verlauf des Treffens. Wahrscheinlich wird auch der russische Präsident Merkel sehr gastfreundlich empfangen. Das zumindest raten Deutschlandkenner in Moskau Putin. Nie seit der Annexion der Krim 2014 hätten die Deutschen so viel Streit mit den USA gehabt. Russland und Deutschland teilten gemeinsame Interessen, in Iran, in Syrien, beim Pipeline-Bauen in der Ostsee.

Mehr Russland-Befürworter in Deutschland

In Deutschland selbst dreht sich derweil die Stimmung. Der klare, realistische Ton des neuen deutschen Außenministers gegenüber der Regierung in Moskau ändert nichts am zunehmenden Entsetzen der Deutschen über Trump. In Berlin ist der Stadtkommandanten-Tweet des neuen US-Botschafters ("Deutsche Unternehmen müssen ihre Aktivitäten in Iran eindampfen, sofort") wie eine Bombe eingeschlagen. Die Empörung über die USA ist einhellig, es fehlen die Gegenstimmen, die jedes Mal kommen, wenn Russland kritisiert wird. Da wird sichtbar, was Trump und seinesgleichen gerade in blinder Rage zerstören. Russland hat in Deutschland plötzlich mehr, die USA immer weniger Befürworter.

Dazu ein paar Zahlen: Nach der jüngsten Pew-Umfrage hatten 2017 ganze 11 Prozent der Deutschen Vertrauen in Trump, aber 25 Prozent Vertrauen in Putin. Auch nicht viel, aber: Den Weltfrieden sehen laut Forsa 79 Prozent durch Trump gefährdet und nur 13 Prozent durch Putin. Nach dem ARD-Trend vertrauen 30 Prozent der Deutschen Russland, aber nur noch 25 Prozent den USA – und das war noch vor dem Bruch des iranischen Atomabkommens durch die USA.

Diese Zahlen sind Momentaufnahmen, aber auf eine Stimmungswende sollten sich die USA in Deutschland besser nicht verlassen. Putin hat hierzulande viele Fans oder zumindest Leute, die gute, enge Beziehungen wünschen. Das fängt mit den radikalen Rändern (Linke und AfD) an und geht tief bis in die Mitte: die ostdeutschen Ministerpräsidenten und ihr Wahlvolk, die bayerische CSU, die Willy-und-Egon-Vermächtnis-Front in der SPD, die deutsche Wirtschaft mit Ostbindung. Und dann gibt es noch rund drei Millionen Russlanddeutsche. 

Die USA haben keine vergleichbare Basis in Deutschland. Die einzigen Parteien, die noch ein starkes transatlantisches Fundament haben, sind die CDU und wohl die Grünen. Auch in der SPD und FDP gibt es diverse Transatlantiker, aber man profiliert sich nicht mehr so gern mit Amerika. In Dresden und Rostock blüht die Russland-Ostalgie, aber dass Frankfurt, München und Stuttgart mal im amerikanischen Sektor lagen, merkt niemand mehr.

Natürlich pflegen Vereine und NGOs die transatlantischen Beziehungen, aber sie erreichen weniger die normalen Bürger. Die liberalen Eliten sind proamerikanisch, und ausgerechnet gegen sie und ihre Überzeugungen wütet Trump. Der Mann bekämpft Amerikas engste Verbündete in Deutschland. Das könnte Putin mit seinen russischen Kohorten nicht passieren.

Sergei Jurjewitsch Netschajew - Wie kann Russland die Beziehungen zu Deutschland verbessern? Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Was sich der russische Botschafter davon erhofft, erzählt er im Videointerview. © Foto: Sven Wolters