Dieses Mal hatte Wladmir Putin keinen Hund mitgebracht, um die Bundeskanzlerin zu erschrecken, sondern nur seinen Außenminister Lawrow. Klare Worte habe man ausgetauscht, sagte die Kanzlerin nach dem Vier-Augen-Gespräch mit dem russischen Präsidenten in der Sommerresidenz in Sotschi am Schwarzen Meer, unter ernsthaftem Nicken Putins. "Trotz der schwierigen außenpolitischen Konjunktur", ergänzte Putin. Oder gerade deshalb. Ukraine, Syrien, Iran, der Streit um die Gaspipeline Nord Stream 2 – alles wurde besprochen, weil alles miteinander zusammenhängt.

Putin betonte die Bedeutung der rund 1.500 Firmen mit russischer Beteiligung, die sich in Deutschland tummelten, um die gemeinsamen Interessen zu betonen. Er kündigte eine engere kulturelle Kooperation an, Konzerte, ein Jahr der Wissenschaft. Merkel antwortete: "Wir freuen uns über Konzerte" – aber auch die Pressefreiheit sei von großer Bedeutung.

Merkel und Putin sind inzwischen die am längsten amtierenden Regierungschefs in Europa. Kaum jemand anderes versteht Putin so gut und kennt ihn so lange wie die Kanzlerin – und kaum einer ist ihr so ebenbürtig darin, keine Miene zu verziehen. Beide sind sozusagen frisch wiedergewählt. Doch während Merkels Macht schwindet, ist die Putins gewachsen. Iran, Nord Stream 2, Syrien: Auf all diesen Feldern spielt Russland eine wichtige Rolle, auf keinem dieser Felder läuft etwas ohne Putin.

Im besten Fall kann es so laufen: Weil die USA Putin in Syrien brauchen, wird der Streit um die Nord-Stream-2-Pipeline entschärft. Weil umgekehrt auch Russland die USA für die Pipeline braucht, wird der Konflikt in Syrien entschärft, Israel wird geschützt, der Iran hinsichtlich seiner geostrategischen Ambitionen in den Nachbarregionen in Schach gehalten. Alle bleiben im Spiel um die Zukunft des Iran-Deals. Und, eine ganz verrückte Idee: In der Zwischenzeit einigt sich Europa auf Reformen. Aber wann ist in den vergangenen Jahren schon der beste Fall eingetreten?

Schauen, was geht

Also muss man schauen, was geht, und immer auf der Hut sein. Putin spricht Deutsch, Merkel spricht Russisch, gelegentlich plaudern die beiden über frühere Zeiten und die DDR. Auf unterschiedlichen Seiten standen sie schon damals. Im Rahmen des neuen Irrsinns, der sich der Welt bemächtigt zu haben scheint, hält Merkel Putin nach wie vor für verlässlich. Wobei verlässlich heißt, dass er sich an das hält, was er sagt und was ausgemacht ist. Außer, er lügt gerade. So wie vor ein paar Jahren, als Putin vorgab, niemand habe die Absicht in der Ukraine einzumarschieren, um kurz darauf die Krim zu besetzen.

Bei Putin, das hat Merkel gelernt, muss man immer auch im Kopf haben, was nicht gesagt und was nicht vereinbart wird. Solche Spielräume nutzt der russische Präsident umgehend aus, um sein Hauptprojekt voranzutreiben: Russland vergrößern, zumindest was den Einfluss angeht, gelegentlich aber auch territorial. Dazu die EU schwächen, mit China Schritt halten und von den USA bemerkt und gebraucht werden.

Dass der russische Präsident, während er mit Merkel spricht und gepflegt Tee trinkt, gerade unliebsame Gegner ins Gefängnis werfen lässt und Waffen in Krisengebiete liefert, mit denen dann weit weg von der lauschigen Sommerresidenz in Sotschi Massaker begangen werden, ist der Kanzlerin sehr wohl bewusst. Sie verabscheut das. Keine Illusionen macht sie sich allerdings darüber, dass sie es ändern könnte. Dass Putin den syrischen Staatschef Assad als kleinen Überraschungscoup keine 24 Stunden vor ihr empfing, regt sie wenig auf. Im Gegenteil: Irgendwer muss ja mit Assad sprechen.

Merkel pflegt die Welt so zu betrachten, wie sie ist, nicht so, wie sie sein sollte. Und dass manche Kritiker ein besseres, freundschaftlicheres Verhältnis zwischen Deutschland und Russland fordern, hält sie gelinde gesagt für realitätsfremd.  

Sergei Jurjewitsch Netschajew - Wie kann Russland die Beziehungen zu Deutschland verbessern? Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Was sich der russische Botschafter davon erhofft, erzählt er im Videointerview. © Foto: Sven Wolters