Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer der wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen für außen- und sicherheitspolitische Fragen. Die SWP berät den Bundestag und die Bundesregierung.

ZEIT ONLINE: Wird die ohnehin fragile Lage im Nahen und Mittleren Osten durch die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, aus dem Atomabkommen mit dem Iran auszusteigen, weiter gefährdet? 

Volker Perthes: Eindeutig ja. Es wird in der Region weitere Spannungen geben, die zu Destabilisierungen führen. Wir sehen das insbesondere daran, dass die Spannungen zwischen dem Iran und Israel gerade auf einem Höhepunkt angelangt sind.

ZEIT ONLINE: Wie wird der Iran auf die Entscheidung Trumps reagieren?

Perthes: Politisch wahrscheinlich gar nicht, weil die iranische Regierung darauf hofft, dass die Europäer, die Russen und die Chinesen das Atomabkommen aufrechterhalten. Gleichwohl gibt es jenseits der Regierung und des Präsidenten Hassan Ruhani Akteure im Iran – ich denke da besonders an die Revolutionsgarden – die das ausnutzen werden, um zu zeigen, dass sie erhebliches Störpotenzial haben.

ZEIT ONLINE: Werden die Iraner das Atomprogramm wiederaufnehmen? Werden sie mehr Uran anreichern wollen?

Perthes: Ich denke, die Iraner werden zunächst zeigen wollen, dass sie sich buchstabengetreu an das Atomabkommen halten, so wie sie es die letzten drei Jahre getan haben. Sie haben in der Zeit acht Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde bekommen, die ihnen bestätigten, dass sie sich an das Abkommen halten. Gerade für Präsident Ruhani ist es jetzt besonders wichtig zu zeigen, dass nicht sie es waren, die das Abkommen gebrochen haben, sondern die Amerikaner. Solange die Europäer sich bemühen, das Abkommen aufrechtzuerhalten, wird man den Europäern daher auch keinen Anlass geben wollen, zu sagen: Das hat keinen Zweck, die Iraner wollen auch nicht mehr. Teheran wird Vertragstreue zeigen.

ZEIT ONLINE: Sollten die Europäer auf eine Neuverhandlung des Abkommens mit den Iranern drängen?

Perthes: Nein, die Europäer haben ja auch gesagt, sie halten an dem Abkommen fest und die Iraner meinen, es gibt keine Neuverhandlung. Denkbar wäre aber etwas, das Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schon mal angedeutet hat: Die Verhandlung eines umfassenderen Anschlussabkommens, eines, das längere Geltungsdauer hat und eine größere inhaltliche Breite. Das also neben dem Atomthema auch Fragen der Regionalpolitik mit aufnimmt, die Diskussion um die ballistischen Raketen, das Verhältnis zu nicht staatlichen Akteuren und Ähnliches mehr.

ZEIT ONLINE: Warum sind die Europäer da noch nicht tiefer eingestiegen?

Perthes: In dem Moment, wo man das tut, kann man mit den Iranern nicht einfach diktieren, was sie zu tun oder zu lassen haben. Man hat dann eine Diskussion, in der es auch um Irans Interessen in der Region geht, und diese haben die Europäer in den vergangenen Jahren immer gemieden.

Was für ein Anschlussabkommen spricht, ist, dass so etwas für die Iraner ohne Gesichtsverlust denkbar ist, und die Europäer könnten auf diesem Weg für sie wichtige Themen wie die ballistischen Raketen Irans einbringen. Die Russen und Chinesen könnten dabei sein, und das alles, ohne das bestehende Atomabkommen auch nur anzutasten. Am Ende könnte sich auch eine US-Regierung in Verhandlungen dieser Stoßrichtung einbringen, auch, weil wir nicht wissen, ob in zweieinhalb Jahren nicht ein anderer US-Präsident regiert. Solche Verhandlungen dauern – das Atomabkommen hat 13 Jahre gebraucht und läuft zudem noch.