François Godement ist ein französischer Historiker. Er ist Professor für Politikwissenschaften an der Sciences Po in Paris und Direktor des Asien und Chinaprogramms beim European Council on Foreign Relations.

ZEIT ONLINE: Herr Godement, der Westen unterlag jahrzehntelang einem Trugschluss: Wir dachten, dass China durch den Kapitalismus zu einem liberaleren Staat würde, eine Art Wandel durch Annäherung. Heute ist China diktatorischer denn je. Welche Fehler wurden im Umgang mit China gemacht?

François Godement: Als China 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist, haben wir uns darauf verlassen, dass es zu einer Marktwirtschaft würde – was es nicht tat. Wir konnten uns überhaupt nicht vorstellen, dass die Chinesen einmal ein entwickeltes Wirtschaftssystem haben würden, mit dem sie viel besser mit anderen Staaten konkurrieren können – innerhalb des erlaubten Rahmens der WTO, aber trotzdem nach ihren eigenen Regeln. Es gab auch niemals eine Überprüfung der Statusbedingungen Chinas, unter denen es in die WTO aufgenommen wurde.

ZEIT ONLINE: Wie ist es dazu gekommen?

Godement: Dass China heute autoritärer anstatt liberaler ist, hat auch damit zu tun, dass die Wirtschaftsfunktionäre dort ihre sehr spezielle, staatlich getriebene Volkswirtschaft schützen wollen, die sich für China als sehr vorteilhaft erwiesen hat. Das ging Hand in Hand: Auf der einen Seite unser Glaube, China würde von selbst eine irgendwie liberalere Marktwirtschaft, und auf der anderen Seite merkte China, dass ein Festhalten an der staatsdominierten Entwicklungsökonomie viel besser funktionierte. Letzteres haben wir einfach zu lange ignoriert.

Zölle sind Strafen, sie sollen etwas von China erzwingen. Ich glaube nicht, dass sie eine langfristige Lösung darstellen.
François Godement

ZEIT ONLINE: Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt wird für Exportnationen wie Deutschland zunehmend größer. Gleichzeitig versuchen chinesische Firmen, Technologien von europäischen und US-amerikanischen Hightechfirmen abzuziehen, um damit selbst international zu reüssieren. Und sie kaufen sich mit staatlichen Hilfen in strategisch wichtige Branchen Europas ein. Wie groß ist das Problem?

Godement: Die Chinesen sind nicht die Ersten, die im Ausland moderne Technik einkaufen. Japan etwa hat sich in den Fünfzigerjahren das Patent für Transistoren bei Bell Laboratories gekauft und wurde mit dem Transistor zum führenden Hersteller von Unterhaltungselektronik. Viele argumentieren außerdem, dass jede erfolgreiche Entwicklungsökonomie geprägt ist von staatlicher Lenkung sowie stark eingeschränkten Investitionsmöglichkeiten für Ausländer in zentralen Sektoren, zum Beispiel bei Immobilien oder in der Finanzwirtschaft. Das waren früher aber alles kleinere Staaten, die heute hochentwickelte Volkswirtschaften haben. China ist dagegen einzigartig in seinem Beharren, den Status einer sich noch entwickelnden Wirtschaft zu haben.

Aus Chinas Wirtschaftspolitik ergeben sich für uns zwei große Probleme: China ist zum einen viel größer als seinerzeit Japan oder Südkorea. Und zum anderen ist das Verhältnis zu seinen Konkurrenten immer noch komplett asymmetrisch. Es ist nach wie vor schwierig, in China Technologie zu erwerben oder in sensitiven und strategischen Sektoren zu investieren.

ZEIT ONLINE: Müssen wir dem etwas entgegnen? Zum Beispiel – wie die Trump-Regierung es tut und tun will – mit Zöllen und der strikten Überprüfung ausländischer Investitionen?

Godement: Das sind ja zwei sehr unterschiedliche Maßnahmen. Zölle sind Strafen, sie sollen etwas von China erzwingen. Ich glaube nicht, dass sie eine langfristige Lösung darstellen. Außerdem treffen Zölle jeden schmerzhaft. In unserer interdependenten Welt ist es vollkommen unmöglich, dass Zölle nur auf ein Ziel gerichtet sein können.

Die Überprüfung von Investitionen, das Investment Screening, ist dagegen ein vorbeugendes Instrument für sensitive, kritische Technologien wie zum Beispiel aus dem Verteidigungssektor. Aber auch für hochentwickelte Technologien, die man in China gern haben möchte, ohne gleichzeitig die eigenen Entwicklungen teilen zu wollen. Investment Screening ist also auch ein Mittel, um Reziprozität, die fehlende Gleichbehandlung, einzufordern.

ZEIT ONLINE: Deutsche und europäische Unternehmen machen gute Geschäfte mit China. Wie können wir die Entscheidungsträger der KP Chinas davon überzeugen, Reziprozität zu akzeptieren? Werden die jemals zulassen, dass ein westliches Unternehmen sich in ein chinesisches Stromnetz einkauft?

Godement: Das ist eine Frage der Interessenbalance, kurzfristig ist das mit Sicherheit sehr ungewiss. Das Investment Screening hat zur Folge, dass die Chinesen ihre Anstrengungen verstärken werden, fehlende Technologien selbst herzustellen. Hinzu kommt, dass China wegen der großen Handelsüberschüsse Kapital exportieren muss. Wenn es das nicht tut, wird der Wert seiner Währung steigen und die Exporte gehen runter. Wir hätten dann eine wesentlich ausgeglichenere Handelsbilanz mit China, aber Chinas Wirtschaftswachstum wäre auch erheblich niedriger. Kurzfristig sehe ich daher keine Möglichkeiten, die Chinesen von Reziprozität zu überzeugen.