Allmählich bekommt man als kleiner Europäer, der nach China blickt, ein Gefühl dafür, wie die Welt im 19. Jahrhundert den Aufstieg des British Empires erlebt haben muss. Mit Piraterie fing es an, mit der Sicherung von Bodenschätzen und dem Aufbau lukrativer Handelsrouten ging es weiter, bis das Commonwealth um die Jahrhundertwende ein Viertel der Erdoberfläche umfasste und Handelsbedingungen ebenso diktierte wie politische Verhältnisse. China baut ebenfalls seit längerer Zeit nichts anderes als ein Weltreich, nur dürfte es, wenn sich sein Wachstum so fortsetzt wie bisher, deutlich größer und mächtiger ausfallen als der britische Vorläufer.

Allmählich dämmert den Europäern, was sich gerade abspielt. Aus dem gleichgültigen Optimismus über den Aufstieg Chinas in den Neunzigerjahren wurde erst ein ungläubiges Staunen über die geopolitische Expansion in den Nullerjahren und jetzt, endlich: ein Bewusstsein dafür, dass Europa im Begriff sein könnte, von einem Handelsriesen deklassiert zu werden, der seine Stärke nicht nur aus einem erheblichen Vorsprung in strategischem Denken zieht. Sondern auch aus merkantilistischer Ruchlosigkeit.

Die Neue Seidenstraße weckt fernöstliche Romantik, wo harter Realismus gefragt wäre. China weiß, dass es überall dort willkommen ist, wo westliche Investoren Skrupel haben oder Wirtschaftskooperation an politische Reformbereitschaft knüpfen. Nur warum sollten die Balkanländer oder die Ukraine Geschäfte mit Partnern ablehnen, die Korruption und schlechte Regierungsführung nicht weiter stört? Chinesische Firmen bauen derzeit Eisenbahnen, Straßen, Pipelines und Häfen in mehr als 60 Ländern, sie kaufen Kraftwerke und Flughäfen, sie erwerben Firmen in technologischen Schlüsselbranchen wie der Robotik oder der Biomedizin.

Ein wenig ist Europa für China gerade das, was Afrika für die britischen Imperialisten war: ein Kontinent, der sich allzu leicht ausschlachten lässt.

Angela Merkel will diese Woche bei ihrem Besuch in China das Prinzip der Reziprozität ansprechen, also die Idee, dass alles, was Europa den Chinesen erlaubt, auch Europäern in China erlaubt sein müsse. Im Moment gewährt die EU chinesischen Investoren quasi unbeschränkten Marktzugang, doch umgekehrt könnte ein Großteil dieser Erwerbungen in China nicht stattfinden. Wenn, dann verlangt die chinesische Seite für den Zugang zu ihrem gewaltigen Absatzmarkt oft den Transfer geistigen Eigentums. Das nennt man keine Handelspartnerschaft, das ist eine Beziehung zu einseitigem Nutzen, die in den vergangenen Jahren immer mehr Schlagseite bekommen hat. Im Jahr 2016 schossen chinesische Investitionen in der EU um 77 Prozent nach oben, unter anderem wegen Einkäufen bei Rüstungskonzernen.

Europa hat mehrere gewaltige Fehler gemacht, die zu dieser Einbahnseidenstraße geführt haben. Statt als EU geschlossen einen Investitionsvertrag mit China zu vereinbaren, haben 27 EU-Staaten ihren jeweils eigenen Investitionsdeal mit der Führung in Peking abgeschlossen. Dies jetzt zu ändern, ist schwierig.

Und die EU hat zugelassen, dass staatlich subventionierte chinesische Unternehmen in Europa auf Shoppingtour gehen konnten – was nicht nur zu einem unfairen Mitmischen von Staatskapital in privat dominierten Marktwirtschaften führte, sondern auch dazu, dass China politische Abhängigkeiten aufbauen konnte: Im Februar wollten die EU-Außenminister einen gemeinsamen Standpunkt formulieren, wonach bestimmte chinesische Formulierungen in internationalen Abkommen gegen die Werte von liberalen Rechtsstaaten verstießen. Ungarn legte gegen den Beschluss ein Veto ein. China baut gerade eine Eisenbahn, die den Hafen von Piräus mit Budapest verbinden soll. Das Projekt gehört zur One-Belt-One-Road-Initiative, durch die chinesische Importe schnell und günstig nach Mitteleuropa geschafft werden sollen. Ein anderer Endbahnhof, für Westeuropa, steht in Duisburg.

Was passiert also hier gerade? Die Seidenstraße, überspitzt gesagt, der chinesische Versuch der Abschaffung von Raum. Distanz soll ein immer mehr zu vernachlässigender Faktor werden. Je günstiger für China die Transportkosten werden, weil ihm die Transportwege gehören, desto mehr aber schmilzt für die Europäer ein zentraler Vorteil ihres Binnenmarktes dahin, nämlich die Nähe ihrer Länder. Warum noch irgendetwas aus Europa kaufen, wenn das alles auch auf dem Containerfließband aus Asien kommt, aus einer Region mit unschlagbar günstigen Preisen, weil keine Gewerkschaften oder Umweltschützer die Margen drücken und Rohstoffe günstig aus afrikanischen Kleptokratien zugekauft werden?

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