Der schiitische Geistlichen Moktada al-Sadr hat wie erwartet die Parlamentswahl im Irak gewonnen. Seine Liste Sairun ("Wir marschieren") werde 54 der 329 Sitze im Parlament erhalten, teilte die Wahlkommission am frühen Samstagmorgen mit. Auf Platz zwei folgt ein Bündnis des Politikers Hadi al-Amiri, das den schiitischen Milizen nahesteht und enge Beziehungen zum benachbarten Iran hat. Lediglich auf Platz drei kam der amtierende schiitische Regierungschef Haidar al-Abadi mit seiner Liste. Dieses Ergebnis war bereits Prognosen zufolge nach der Wahl vom 12. Mai erwartet worden

Abadi könnte dennoch wieder Ministerpräsident werden. Denn Al-Sadr, der Distanz zum Iran hält und ein langjähriger Gegenspieler der USA ist, kann selbst nicht Regierungschef werden, da er selbst bei der Wahl nicht angetreten war.

Der Sieg seiner Liste führt nicht automatisch dazu, dass der Geistliche einen Ministerpräsidenten durchsetzen kann. Die anderen starken Gruppierungen müssen einer Nominierung zustimmen. Al-Sadr hat allerdings großes Gewicht bei den nun anstehenden Verhandlungen. In der Vergangenheit hatte der Kleriker erklärt, er könne sich eine weitere Amtszeit Al-Abadis vorstellen, daher könnte dieser noch eine Chance bekommen.

Korruption soll abnehmen

Al-Sadr hat vor allem unter den jungen und mittellosen Irakern viele Anhänger. Er hat Korruption und schlechte Regierungsführung zu seinem Thema gemacht. Bei Twitter schrieb Sadr kurz nach Bekanntgabe des Endergebnisses: "Die Reform ist siegreich, und die Korruption nimmt ab." Er dankte seinen Wählern für ihr Vertrauen und versprach ihnen, sie nicht zu enttäuschen. "Euer Votum ist eine Ehre", schrieb er. "Der Irak und die Erneuerung haben mit euren Stimmen gewonnen."

Beliebt ist der Wahlsieger auch aufgrund des Ansehens seines Vaters Mohammed Sadek al-Sadr. Der Großajatollah war 1999 wegen seines Widerstands gegen den damaligen Machthaber Saddam Hussein ermordet worden. Nach ihm ist "Sadr City" benannt, ein Stadtteil im Nordosten Bagdads.

Wenn die Ergebnisse nach Überprüfung von Beschwerden einiger Kandidaten bestätigt sind, wählt das Parlament zunächst seinen Präsidenten, dann den Präsidenten für das Land. Im Anschluss wird die größte Liste vom Präsidenten beauftragt, eine Regierung zu bilden. Die Regierung sollte spätestens 90 Tage nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses gebildet werden.

Die Beteiligung bei dieser Wahl war historisch niedrig: nur 44,5 Prozent der mehr als 22 Millionen wahlberechtigten Iraker waren zur Urne gegangen. Es waren die ersten Wahlen, nachdem das Land im vergangenen Jahr seinen Sieg über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erklärt hatte.