Achtzehn republikanische Kongressabgeordnete haben Donald Trump formell für den Nobel-Friedenspreis nominiert. Gefragt, ob er ihn verdiene, antwortete er in der für ihn charakteristischen Bescheidenheit: "Everyone thinks so" – alle Welt sei dieser Ansicht, aber er würde das nie sagen.

Ich bin da anderer Meinung. Trump verdient einen Nobelpreis, aber nicht den Friedenspreis, sondern den Nobelpreis für Ignoranz, Inkompetenz und Impertinenz. Den gibt es nicht? Kein Problem: Man könnte leicht den dieses Jahr ausfallenden Nobelpreis für Literatur umwidmen. Everyone thinks so.

Der US-Präsident hat vor einer Woche das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Nach zwölf Jahren langer Verhandlungen wurde das 159-seitige Schriftstück mit dem unverständlichen Namen Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) 2015 von der Obama-Regierung, England, Frankreich, Deutschland, China und Russland unterzeichnet. Im UN-Sicherheitsrat wurde der Aktionsplan einstimmig ratifiziert. Iran hat ihn seitdem Punkt für Punkt eingehalten, darin sind sich alle anderen Unterzeichner, die Internationale Atomenergiebehörde und selbst die amerikanischen Geheimdienste einig. Es hat zwei Drittel seiner 20.000 Zentrifugen zur Urananreicherung abgebaut, sein Plutoniumprojekt eingestellt, 98 Prozent seines geringfügig angereicherten Urans außer Landes bringen lassen und die Anreicherung auf nicht waffenfähige 3,67 Prozent begrenzt – und all dies für 15 Jahre. In einem Zusatzprotokoll unterwarf es sich "auf alle Ewigkeit" der schärfsten internationalen Überwachung, die es je gegeben hat. Die Gegenleistung sollte die Aufhebung der Sanktionen sein.

Der Vertrag hatte nie den Zweck, Irans destabilisierende Rolle im Mittleren Osten von Grund auf zu verändern: die Unterstützung des syrischen Diktators Baschar al-Assad und der schiitischen Kampfgruppen wie der Hisbollah im Libanon und der Huthis im Jemen zu beenden, die Aufrüstung zu bremsen und die Entwicklung von Raketenwaffen zu vereiteln. Darüber wollten Frankreich, England und Deutschland jetzt mit dem Iran verhandeln. Nach Trumps Ausscheren aus dem Vertrag ist kaum noch damit zu rechnen, dass sich der moderate, von den Hardlinern der Revolutionswächter schwer bedrängte, iranische Präsident Ruhani darauf einlassen kann.

Es ist nicht nur das Iran-Abkommen

In der großkotzigen Erklärung, die Trump zur Aufkündigung des Abkommens abgab, kam ein Satz nicht vor: "Iran hat den Vertrag gebrochen." Es hätte ihm auch niemand außer Israels Premier Netanjahu und vielleicht noch dem saudi-arabische Kronprinzen abgenommen. Vertragsbrüchig war Trump selbst, als er – ohne den Funken eines Beweises – gegen das Abkommen verstoßen hat, und weitere Sanktionen gegen Iran verhängte und noch schärfere ankündigte. Hört man sich die Erklärung des Präsidenten an, drängt sich einem unabweisbar der Eindruck auf, dass er auf regime change aus ist. Die Falken in seiner eigenen Umgebung, Sicherheitsberater John Bolton und der neue Außenminister Pompeo, scheinen sogar bereit, es letztlich auf einen Krieg ankommen zu lassen.

Trumps Abkehr von dem Abkommen trifft die Europäer besonders hart. Nicht nur, weil das Iran-Abkommen das Ergebnis einer Initiative der E-3 war, nämlich Englands, Frankreichs und Deutschlands, der sich die anderen erst später anschlossen, sondern in erster Linie, weil sie im Vorgehen des Immobilienunternehmers im Weißen Haus das Ende einer Epoche erkennen, in der auf die Vereinigten Staaten Verlass war. Nicht von ungefähr ist allenthalben vom Ende des Westens die Rede. Trump verachtet die Weltordnung, die seine Vorgänger nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben. Schlimmer noch: Er zerstört sie mutwillig.

Mit Schumpeters kreativer Zerstörung hat dies nichts zu tun, denn Trump weiß nichts an die Stelle dessen zu setzen, was er sinnlos-brutal zertrümmert. Der große deal maker, als den er sich ausgibt, ist er nicht. Er ist ein notorischer Vertragsbrecher. Er hat mit dem Pariser Klimaschutzabkommen gebrochen, mit der Transpazifischen Partnerschaft (die Chinesen lachen sich ins Fäustchen), mit der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta. Er hat die Nato für obsolet erklärt, die EU verhöhnt, sich auf die Welthandelsorganisation WTO als "schreckliche Katastrophe" eingeschossen. 

Im Streit mit China nimmt er einen regelrechten Handelskrieg in Kauf. In Israel ließ er die Botschaft nach Jerusalem verlegen, was eine neue Intifada auslösen könnte; gleichzeitig ermutigt er dadurch Netanjahu zur Kriegspolitik gegen den Iran. Nordkorea drohte er "Feuer und Zorn" und totale Vernichtung an, in vier Wochen will er mit Kim Jong Un über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel verhandeln. Aber weshalb sollte Kim seine Lebensversicherung aus den Händen geben, wo er doch weiß, dass auf Trumps Wort kein Verlass ist?