Die Welt spielt Fußball und blickt auf Russland. Bevor der Sport losgeht, widmen wir diesem großen, vielfältigen, komplizierten und oft missverstandenen Land einen Schwerpunkt. In diesem Text argumentiert unser Autor, weshalb man die WM boykottieren sollte. Hier lesen Sie das Contra: Christian Spiller schreibt, warum ein Boykott nichts bringt.


Am dritten Donnerstag im Mai folgt der deutsche nationale Sportverband mit klarer Mehrheit dem Vorschlag der Bundesregierung. Als direkte Reaktion auf den Kriegseinsatz des Kremls in einem souveränen Nachbarland werden keine deutschen Sportler zum wichtigsten Sportereignis der Welt geschickt. Alle im Bundestag vertretenen Parteien begrüßen den Beschluss. Der Regierungssprecher erklärt, Deutschland sei das vierte westeuropäische Land, welches das Turnier in Moskau boykottieren werde. Er sagt weiter, die Bundesregierung sei dankbar, dass der Sportverband die Bedeutung der Argumente gewürdigt habe.

Fast auf den Tag genau vor 38 Jahren, am 15. Mai 1980, waren das die wichtigsten Nachrichten in Deutschland. Im Sommer 1980 durfte keine Sportlerin und kein deutscher Athlet aus der BRD bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau an den Start gehen. Helmut Kohl, damals Oppositionsführer und CDU-Vorsitzender, unterstützte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt in seinem Boykottentschluss. Kohl sagte, der Sport könne nicht von den moralischen und sittlichen Normen für das Zusammenleben der Völker getrennt werden.

Hauptgrund waren also nicht die antidemokratischen Zustände in der damaligen Sowjetunion. Weder der Schauprozess gegen den späteren Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow noch die Missachtung der Menschenrechte anderer Dissidenten und Helsinki-Aktivisten hatten Schmidt und den US-Präsidenten Jimmy Carter zum Eingriff in die Unabhängigkeit des Sports bewegt. Entscheidend war der Einmarsch in Afghanistan: Am 2. Januar 1980 begannen die Streitkräfte des Kremls dort eine Großoffensive, die das Land in einen zehnjährigen Stellvertreterkrieg stürzte.

Wer verstehen will, warum ein Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Russland in diesem Sommer angebracht wäre, muss sich diese Episode der Geschichte vergegenwärtigen. Gewiss, 1980 ist nicht 2018. Breschnews Sowjetunion ist nicht Putins Russland. Olympische Spiele sind keine Fußball-WM. Und Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Aber in einem wichtigen Punkt gleichen sich die Ausgangssituationen: Ein Land, das Angriffskriege führt, darf nicht Gastgeber von Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften sein. So lautete die Begründung für den Boykott von Moskau 1980. Und heute?

Im Jahr 2018 ist die Situation mindestens so beunruhigend wie damals, nur die Öffentlichkeit und weite Teile der politischen Klasse nehmen die russischen Militärmanöver nicht mehr als inakzeptabel wahr. Krieg, also ein organisierter, mit verschiedensten Waffen ausgetragener Konflikt, gehört gegenwärtig wie selbstverständlich zur russischen Außenpolitik. Nach der bewaffneten Auseinandersetzung um Transnistrien und im Anschluss an den ersten Tschetschenien-Krieg griff das russische Militär allein in den vergangenen zehn Jahren in vier Kriege ein oder löste sie aus: Der Kreml führte Russland in den zweiten Tschetschenien-Krieg (1999 bis 2009) und in den Georgien-Krieg (2008). Bis zum heutigen Tag lässt Wladimir Putin auf den syrischen Schlachtfeldern Söldner kämpfen und Städte bombardieren (seit 2015). Auch in der Ukraine, wo Russland 2014 einen Krieg entfachte, der ebenfalls bis heute anhält, beschießen immer noch Woche für Woche russische Raketenwerfer ukrainische Dörfer und töten Menschen. Allein dieser Krieg mitten in Europa hat bisher mehr als 10.000 Bürgern das Leben genommen.

Kann man ausgerechnet in dem Land, das für all das verantwortlich ist, nun eine gigantische globale Fußballparty feiern?

Seit 1990 habe ich jede Fußball-WM verfolgt, als Fußballfan, -spieler, -reporter. Drei Kreuzbandoperationen im Knie konnten mir meine Begeisterung für diesen Sport nicht nehmen. Wenn sich meine Tochter in ihrem E-Jugendteam zwischen anderen Mädchen durchschlängelt und den Ball ins Tor drischt, springe ich in die Luft. Für mich ist ein Volleyschuss ins Dreiangel ein künstlerischer Moment, eine saubere Grätsche schöner als ein echter Picasso und ein Sommer mit einer Fußball-WM ein schönerer. So war das bisher. Doch je näher das Turnier in Russland kommt, desto sicherer bin ich mir: Weil ich diesen Sport liebe, werde ich diese WM boykottieren, keine WM-Party schmeißen, nicht nach Russland reisen und keinen Cent für WM-Sammelbilder von Panini ausgeben. Mir ist die Lust am Fußballfest vergangen. Aus zwei Gründen: Die Fifa als WM-Organisator hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, und Russland sich als WM-Gastgeber diskreditiert.