Bei der Parlamentswahl im Irak führt überraschend der einflussreiche schiitische Prediger Muktada al-Sadr. Wie die Wahlkommission am Sonntagabend mitteilte, kommt seine Liste Sairun in vier von bislang zehn ausgezählten Provinzen auf den ersten Platz, darunter in der Hauptstadt Bagdad. Im Vergleich dazu sieht es für den schiitischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi, den Wunschkandidaten des Westens, schlecht aus: Seine "Koalition des Sieges" konnte in keiner der ausgezählten Provinzen einen der ersten beiden Plätze erreichen.  

Die restlichen Ergebnisse sowie die Verteilung der 329 Sitze im Parlament sollen in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden. Unterdessen brach in dem Stadtteil Sadr City von Bagdad Jubel auf den Straßen aus. Die verarmte Region, Heimat von rund drei Millionen Menschen, ist nach dem verstorbenen Vater des Klerikers, Ajatollah Mohammad Sadik al-Sadr, benannt. Die Anhänger seines Sohnes sangen, tanzten und zündeten Feuerwerkskörper, während sie Bilder ihres Kandidaten hoch hielten und iranische Flaggen schwenkten.

Mit seiner Mahdi-Armee gegen die USA

Der 44-Jährige gilt indes als kontroverse Figur. Nach dem Sturz Saddams Husseins führte er von 2003 bis 2011 einen Aufstand gegen die US-Truppen im Land an. Die USA machen Al-Sadrs Mahdi-Armee für zahlreiche Anschläge gegen die Truppen verantwortlich. In den vergangenen Jahren wandelte er sich zu einem Kritiker des politischen Establishments und hat seine Anhänger vor allem unter den jungen Irakern, den Armen und Hoffnungslosen. Er hält Abstand zur Führung in Teheran und hat ein Bündnis mit Kommunisten und anderen weltlichen Anhängern gebildet, die seine Proteste gegen die Regierung 2016 unterstützten. Sadr verlangte von Bagdad damals, endlich gegen die grassierende Korruption vorzugehen. Seine Popularität gründet stark auf seinem Vater, dem angesehenen Großajatollah Mohammed Sadek al-Sadr, der 1999 wegen seines Widerstands gegen Saddam Hussein ermordet wurde. 

Die Iraker hatten am Samstag erstmals seit dem Sieg gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ein neues Parlament gewählt. Um die Sitze bewarben sich fast 7.000 Kandidaten aus Dutzenden politischen Allianzen. Einen klaren Favoriten gab es nach dem wochenlangen Wahlkampf nicht. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 44,5 Prozent ein historisches Tief: Es war die niedrigste seit der ersten freien Wahl nach dem Sturz von Langzeitherrscher Hussein im Jahr 2003. Beobachter machten dafür eine weit verbreitete Politikverdrossenheit verantwortlich.  

Erste Wahl seit Sieg über den IS

Die Abstimmung galt vor allem als Referendum über die Arbeit von Ministerpräsident Al-Abadi, der einst mit dem Versprechen angetreten war, die sunnitische Minderheit stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen. Vor der Wahl hatte er vor allem mit dem militärischen Sieg über die Islamistenmiliz geworben, die der 66-Jährige im Dezember verkündet hatte. 

Wer auch immer die Wahl gewinnt, muss eine Reihe gravierender Aufgaben lösen. Zum einen ist das Land durch die jahrelangen Kämpfe, zuletzt gegen die IS-Milizen, stark zerstört. Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran, laut der Weltbank werden dafür in den nächsten Jahren rund 88 Milliarden Dollar benötigt. Zugleich gilt es, den iranischen wie amerikanischen Einfluss im Land auszugleichen – auf beide Länder war der Irak im Kampf gegen den IS angewiesen. Für die Menschen im Land sind hingegen Themen wie Korruption, Wirtschaftswachstum und eine Verbesserung der öffentlichen Dienste vordringlich.