Für Israels Premier Benjamin Netanjahu sind das großartige Tage. Seine Visionen und Träume werden allmählich Wirklichkeit: der Atomdeal, den allen voran der verhasste US-Präsident Barack Obama ausgehandelt hat – Makulatur. Den Iran als "größte Bedrohung" im Nahen Osten erkennen – die US-Regierung hat dies bestätigt. Dem Iran militärisch in Syrien eine Lektion erteilen – gelungen. Die Palästinenser zerstritten und kein Partner für den Frieden – sogar der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht das so. Die US-Botschaft in die Hauptstadt des jüdischen Volkes transferieren – es ist vollbracht.

Es könnte tatsächlich nicht besser laufen für Netanjahu, da spielen selbst die mehr als 50 Toten an der Grenze zu Gaza am Montag keine Rolle. Seine Sicht der Dinge, sein pessimistisches Weltbild, sein Gefühl der totalen existenziellen Bedrohung, die sein Ziel eines starken Israels inklusive ganz Jerusalem sowie Judäa und Samaria (so die biblischen Namen des Westjordanlands) bestimmen: Es scheint, als ob zumindest die Regierung in Washington sich diesem Weltbild angeschlossen hätte. Und auf jemand anderen kommt es Netanjahu nicht an. Die Europäer? Sprechen ja nicht einmal mit einer Stimme, wenn es um die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem geht. Die Russen? Mit denen arbeitet man in Syrien zusammen, doch man vertraut Präsident Wladimir Putin natürlich nicht.

Und so sagte "Bibi", wie der israelische Premier in Israel genannt wird, bei der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem einen denkwürdigen Satz: Es sei ein "großartiger Tag für Israel und ein großartiger Tag für die USA und ein großartiger Tag für den Frieden". Für den Frieden? Was für ein Zynismus, mag man denken. Doch in Netanjahus Welt ergibt der Satz Sinn.

Israel - Tote bei Ausschreitungen im Gazastreifen Bei Demonstrationen gegen die Feierlichkeiten zu Israels Staatsgründung und die Verlegung der US-Botschaft starben mindestens 41 Menschen. Die Proteste könnten noch zunehmen. © Foto: Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Bibi kann es egal sein

Dass Jerusalem die Hauptstadt des jüdischen Staates ist, zumindest Westjerusalem, wäre ja selbst bei einer Zweistaatenlösung klar. Und auch wenn die internationale Staatengemeinschaft ihre Botschaften in Tel Aviv hat, um den endgültigen Status der Stadt vor einer Friedenslösung zwischen Israelis und Palästinensern nicht vorwegzunehmen, so müssen die Botschafter dennoch ständig nach Jerusalem, um ihren diplomatischen Geschäften nachzugehen, denn natürlich befinden sich die politischen Institutionen Israels mehrheitlich dort, in der faktischen Hauptstadt des jüdischen Staates. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach zum 60. Jahrestag der Staatsgründung 2008 in der Knesset. Und wo liegt die Knesset? In Jerusalem.

So sieht Netanjahu mit der Verlegung der US-Botschaft das Ende der Bigotterie gekommen. Eine Tatsache werde nun als Tatsache anerkannt, so denkt er. Die Palästinenser, die in den vergangenen Jahren dazu übergegangen sind, jegliche historische Verbindung des jüdischen Volkes zu Jerusalem zu leugnen, müssten sich nun endgültig damit abfinden, dass die jüdische Präsenz in Al-Kuds, wie Jerusalem auf Arabisch heißt, eine nun auch anerkannte Realität ist, um die man nicht mehr herumkommt.

Nur so, denkt Netanjahu, könne man realistisch den Frieden verhandeln. Aber ist das wirklich so? Keine Frage, Donald Trumps Entscheidung ist ein Geschenk an den israelischen Premier, aber zugleich brachte Trump die USA aus der Vermittlerrolle zwischen Palästinensern und Israelis heraus. Der ehemalige US-Botschafter in Israel, Dan Shapiro, ein Obama-Mann, sagte am Montag, dass es eigentlich kein Problem sein sollte, eine amerikanische Botschaft für Israel in Westjerusalem zu eröffnen, wenn denn Trump nur gesagt hätte, dass man dereinst eine zweite Botschaft in einer zukünftigen palästinensischen Hauptstadt Ostjerusalem eröffnen werde. Dass Trump genau dies nicht getan hat, ist für die USA politisch kurzsichtig. Bibi kann es aber egal sein. Er hat ein wichtiges Ziel erreicht.