Unmittelbar vor der Eröffnung der neuen Botschaft der US-Regierung in Jerusalem und der Feier des 70. Jahrestags der Staatsgründung Israels hat Aiman al-Sawahiri, der Chef der Terrorgruppe Al-Kaida, Muslime zum Dschihad aufgerufen.

Nach Informationen eines US-Unternehmens, das auf die Überwachung islamistischer Internetseiten spezialisiert ist, sagte Al-Sawahiri in einer Videobotschaft: Der US-Präsident Donald Trump habe "das wahre Gesicht des modernen Kreuzzugs offenbart". Die Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft aus Tel Aviv dorthin zu verlegen, zeige, dass "Beschwichtigungen" vonseiten der Palästinenser keine Wirkung zeigten. Nur mit Widerstand durch Dschihad könnten Muslime ihre Ziele erreichen, sagte Al-Sawahiri.

Der Palästinensischen Autonomiebehörde warf Al-Sawahiri in der Botschaft vor, "Verkäufer Palästinas" zu sein. Seit 1994 übt die Behörde nominell Regierungsfunktionen in den Palästinensischen Autonomiegebieten im Westjordanland und dem Gazastreifen aus. Aiman al-Sawahiri steht auf der Liste der international meistgesuchten Terroristen.

Um 15 Uhr findet in Jerusalem die Einweihungszeremonie der US-Botschaft statt. 800 Gäste nehmen an der Feier teil, darunter auch Donald Trumps Tochter Ivanka Trump und ihr Ehemann Jared Kushner. Der US-Präsident selbst ist nicht nach Israel gereist. Der US-Vizeaußenminister John Sullivan, der an den Feierlichkeiten teilnimmt, sagte am Vortag der Eröffnung, die US-Botschaft in Jerusalem sei "eine lange überfällige Anerkennung der Realität".

Proteste an der Grenze zum Gazastreifen

Israels Behörden rechnen mit massiven Protesten der Palästinenser. Die israelische Armee warf über den Palästinensergebieten Flugblätter mit Warnungen auf Arabisch ab: "Halte Dich fern vom Sicherheitszaun, terroristischen Aufrührern und gewalttätigen Demonstranten!" und "Rette Dich selbst und setze lieber darauf, Dir eine gute Zukunft aufzubauen!", lauteten die Mitteilungen.

An der Grenze zu Gaza verdoppelte das israelische Militär die Zahl seiner Soldaten. Zehntausende von Demonstranten werden erwartet. Seit Ende März sind bei gewaltsamen Konfrontationen von Palästinensern und israelischen Soldaten am Grenzübergang zum Gazastreifen 55 Palästinenser getötet und Tausende verletzt worden. Auch im besetzten Westjordanland stationierte Israel zusätzliche Infanteriebrigaden. Tausend Polizisten sollen in Jerusalem das Gelände der neuen US-Botschaft bewachen.

Palästina beansprucht Ostjerusalem ebenfalls als Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaats. Vor Trumps Entscheidung, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, herrschte internationaler Konsens, dass der Status von Jerusalem erst in einem Friedensabkommen mit den Palästinensern festgelegt werden soll. Vor den UN hatten 128 Nationen gegen die Botschaftsverlegung der Amerikaner protestiert. Sie erschwere den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern, lautete ein Vorwurf.

Als einen weiteren Schritt zu "vollständiger Apartheid" bezeichnete auch der Chef der Delegation der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in Washington, Husam Somlot, den Umzug der US-Botschaft. Die Entscheidung der US-Regierung führe "zu einem religiösen Konflikt statt zu würdevollem Frieden".