Bei Protesten gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem sind laut palästinensischen Angaben mindestens 52 Palästinenser von israelischen Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen erschossen und mehr als 2.400 weitere verletzt worden. Wie das Gesundheitsministerium in dem Palästinensergebiet mitteilte, sind unter den Toten auch Jugendliche unter 16 Jahren sowie ein Journalist. Der palästinensische UN-Botschafter in New York, Rijad Mansur, sprach von mindestens acht Kindern unter 16 Jahren, die bei den Ausschreitungen getötet wurden.

Nach Angaben der israelischen Armee beteiligten sich mehr als 35.000 Menschen an zwölf verschiedenen Orten an den Protesten am Grenzzaun. Palästinenser hätten Brandbomben und explosive Gegenstände auf Soldaten geworfen, hieß es in einer Stellungnahme. Sie würden Reifen verbrennen und versuchten, mit brennenden Gegenständen Feuer in Israel zu entzünden.

Israel hat angekündigt, die Grenzsicherungsanlagen an seiner Südgrenze um jeden Preis zu verteidigen. Die Soldatinnen und Soldaten hätten dazu auch das Recht, auf Palästinenser zu schießen. Israel sei dazu berechtigt, seine Grenzen zu verteidigen, teilte die Regierung mit.

Am Nachmittag reagierte das israelische Militär auch mit Luftangriffen auf die Ausschreitungen im Gazastreifen. Nach Angaben der Armee wurden fünf Stellungen der Armee angegriffen.

Bis zu eine Million Demonstranten erwartet

Die israelischen Behörden hatten sich auf Proteste an der Gazagrenze vorbereitet – und auf bis zu eine Million Demonstranten. Die Armee verdoppelte die Zahl der an der Grenze stationierten Soldaten. Am Vormittag hatte das israelische Militär Flugblätter über den Palästinensergebieten verteilt, die auf Arabisch davor warnten, den Sicherheitszaun an der Grenze zu beschädigen oder zu überwinden.

Seit Ende März sind bei gewaltsamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen mehr als 50 Palästinenser getötet worden, Tausende weitere wurden verletzt.

Im Gazastreifen begann am Morgen ein Generalstreik; Geschäfte, Schulen und Universitäten blieben geschlossen. Alle politischen Fraktionen einschließlich der radikalislamischen Hamas hatten zum Streik aufgerufen. Jugendliche verbrannten Reifen auf Kreuzungen von Hauptstraßen. Busse sammelten Menschen ein, um sie zur Grenze zu bringen. Über Moscheelautsprecher wurde zur Teilnahme an den Massenprotesten aufgerufen.

Angesichts der hohen Zahl an Verletzten sorgen sich Menschenrechtler um eine angemessene medizinische Versorgung. Die Krankenhäuser befänden sich an einem kritischen Punkt, teilte Amnesty International mit. Etwa 900 Verletzte hätten Schussverletzungen davongetragen.

Israel begeht 70. Jahrestag der Staatsgründung

Am Nachmittag wurde die von Tel Aviv nach Jerusalem verlegte US-Botschaft offiziell eröffnet. US-Präsident Donald Trump hatte Jerusalem im Dezember als Hauptstadt Israels anerkannt. Bei der offiziellen Eröffnung ist der US-Präsident nicht zugegen. Trump entsandte seine Tochter Ivanka und seinen Schwiegersohn Jared Kushner nach Jerusalem. Er äußerte sich aber in einer Videobotschaft, die bei dem Festakt ausgestrahlt wurde. Darin sagte Trump, Israel sei eine "souveräne Nation mit dem Recht, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen". Und weiter: "Wir haben in der Vergangenheit das Offensichtliche nicht anerkannt."

Der palästinensische Ministerpräsident Rami Hamdallah bezeichnete Trumps Entscheidung und den damit verbundenen Umzug der Botschaft als "krasse Verstöße gegen internationales Recht und Missachtung der Grundwerte von Gerechtigkeit und Moral". Auch die Wahl des Datums beweise "einen Mangel an Sensibilität und Respektlosigkeit für die Grundwerte des Friedensprozesses", sagte Hamdallah. Die Botschaftseröffnung findet am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels statt. Die Palästinenser gedenken an diesem Tag der sogenannten Nakba, der Vertreibung und Flucht von Hunderttausenden während des ersten Nahostkrieges 1948.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu richtete in einer Pressemitteilung den Appell an die Länder der Welt, dem Beispiel der USA zu folgen: "Verlegt eure Botschaften nach Jerusalem, weil es den Frieden voranbringt." Beim Empfang der US-Delegation sagte Netanjahu, Frieden könne nicht "auf ein Fundament von Lügen aufbauen". Jerusalem sei die rechtmäßige Hauptstadt Israels. Es habe "einen Präsidenten Trump" gebraucht, "um diese einfache, grundlegende Wahrheit zu verkünden. Und einmal verkündet, wird sich diese Wahrheit verbreiten", sagte Netanjahu.

Deutscher Botschafter nicht bei US-Feierlichkeiten dabei

Die Bundesregierung zeigte sich besorgt über die jüngsten Entwicklungen im Nahostkonflikt. Die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem dürfe "kein Anlass sein für Gewalt", sagte die Sprecherin des Auswärtigen Amts, Maria Adebahr. Zugleich sei auch Israel verpflichtet, "das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu wahren". 

Adebahr sagte, Deutschland werde sich an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen halten. Die Bundesregierung sei wie die EU der Überzeugung, dass eine einvernehmliche Verhandlungslösung zwischen Israel und Palästinensern gefunden werden müsse. Entsprechend müsse Jerusalem Hauptstadt von Israel und Palästina sein.

Die deutsche Botschaft befindet sich wie andere diplomatische Vertretungen in Tel Aviv. An der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem werde der deutsche Botschafter nicht teilnehmen, sagte Adebahr. Nach israelischen Angaben wurden alle 86 Länder mit diplomatischen Vertretungen eingeladen, doch nur 33 hätten ihre Teilnahme zugesagt. Während Ungarn, Rumänien und Tschechien Vertreter schickten, fehlten die Repräsentantinnen und Repräsentanten der westeuropäischen Staaten.