Nach den Zusammenstößen zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Demonstranten in Gaza will der UN-Menschenrechtsrat eine unabhängige Untersuchungskommission in den Gazastreifen schicken. Experten sollten prüfen, ob dort das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte verletzt wurden, wie es in einer am Freitag in Genf verabschiedeten Resolution heißt. In dem Text, der unter anderem von Pakistan eingebracht wurde, ist zudem von einem "unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt durch die israelischen Besatzungskräfte" die Rede. 29 Länder sprachen sich dafür aus, die USA und Australien dagegen und 14 Länder enthielten sich der Stimme, darunter Deutschland.

Israel wies die Resolution als einseitig zurück. "Sie beweist einmal mehr, dass es sich um eine Organisation mit einer automatischen anti-israelischen Mehrheit handelt, in der Heuchelei und Absurdität die Oberhand haben", hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums. Die USA warfen dem Menschenrechtsrat Voreingenommenheit gegenüber Israel vor. Beide Länder kritisierten, dass die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas im Resolutionstext nicht erwähnt wurde. 

Die Sondersitzung war nach den Ausschreitungen in Gaza vom Montag einberufen worden. Israelische Truppen hatten auf palästinensische Demonstranten geschossen, die sich zu Massenprotesten gegen die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem und gegen die Gaza-Blockade durch Israel und Ägypten versammelt hatten. 59 Menschen wurden nach palästinensischen Angaben getötet, die meisten waren nach Hamas-Angaben Hamas-Mitglieder. Mehr als 2.000 Menschen sollen verletzt worden sein. Die Palästinenser beanspruchen den Ost-Teil der Stadt für einen zukünftigen eigenen Staat. Israels UN-Botschafterin Awiwa Ras Schechter schrieb den "unglücklichen Ausgang der Auseinandersetzungen" allein der Hamas zu, die in einer Hetzkampagne gegen Israel die eigene Bevölkerung ausbeute.

Hamas ruft zu weiteren Massenprotesten auf

Hamas-Chef Ismail Hanija hatte zuvor eine Fortsetzung der Proteste angekündigt. Er forderte die vollständige Aufhebung der seit mehr als einem Jahrzehnt dauernden Blockade des Palästinensergebiets am Mittelmeer. Hanija sagte, die Massenproteste hätten bereits wichtige Ergebnisse gehabt, etwa die Öffnung des Grenzübergangs zu Ägypten. Das Land will einen eigenen Grenzübergang zum Gazastreifen während des gesamten muslimischen Fastenmonats Ramadan geöffnet halten."Dies wäre ohne die Opfer unseres Volkes nie geschehen", sagte Hanija. Das Blutvergießen im Gazastreifen habe auch die Aufmerksamkeit internationaler Medien geweckt, "mehr als die Aufmerksamkeit für die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem".

Die jüngste Gewalt am Grenzzaun zwischen Israel und dem Gazastreifen soll am Abend auch Thema beim Gipfel der Organisation Islamischer Kooperation (OIC) in Istanbul sein. Vor der Eröffnung gab es in Istanbul eine Kundgebung gegen Israel, an der nach Angaben des Staatssenders TRT hunderttausende Menschen teilnahmen. Dort warf der türkische Ministerpräsident Binali  Yıldırım Israel Völkermord an den Palästinensern vor. "Diese Gewalt, die Israel ausübt, nennt man Genozid und ethnische Säuberung", sagte Yıldırım.

Bei früheren Untersuchungen lehnte Israel eine Zusammenarbeit ab

Insgesamt kamen seit Ende März bei Protesten am Grenzzaun nach Angaben des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, mehr als 100 Menschen ums Leben. Mindestens 87 Palästinenser seien von israelischen Soldaten erschossen worden. Er wies Erklärungen Israels zurück, dass die Sicherheitskräfte alles täten, um die Opferzahlen so niedrig wie möglich zu halten: "Dafür gibt es so gut wie keine Anzeichen." Die Palästinenser seien unter Israel als Besatzungsmacht "eingepfercht in einen giftigen Slum, von der Geburt bis zu Tod, jeder Würde beraubt."

Der Menschenrechtsrat hat auch schon 2009 und 2014 Untersuchungskommissionen zu Gaza eingesetzt. Die israelische Regierung verweigerte jeweils die Zusammenarbeit. Die Kommission kann deshalb in Israel nicht recherchieren und hört, so weit es geht, Zeugen außerhalb des Konfliktgebietes an oder verlässt sich auf Zulieferungen von Beobachtern vor Ort.

Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums wollte sich am Freitag nicht zu der Frage äußern, ob Israel dem Untersuchungsteam dieses Mal die Einreise erlauben wird. Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung seien von vornherein bekannt. "Es ist allen klar, dass das Ziel des Rats nicht die Wahrheitsfindung ist." Es gehe vielmehr darum, Israel daran zu hindern, sein Recht auf Selbstverteidigung auszuüben und den jüdischen Staat zu dämonisieren.

Bei neuen Konfrontationen an der Gaza-Grenze wurden am Freitag mehrere Palästinenser verletzt. Zuvor hatten Palästinenser Lenkdrachen mit Brandsätze auf die israelische Seite der Grenze fliegen lassen. Dadurch wurden mehrere Brände ausgelöst, begünstigt durch eine Hitzewelle in der Region.