Kürzlich konnten die israelischen Fernsehzuschauer aus den Nachrichten erfahren, dass der Iran israelische Militärstützpunkte im Norden Israels mit Raketen beschießen wird. Die Armee und die Raketenabwehrsysteme seien vorbereitet, man tue alles, um die Zahl der Opfer klein zu halten. Auffällig an dieser Meldung war der Indikativ. Kein Konjunktiv: Es ist ein Fakt, der Iran wird uns angreifen. Eine Botschaft an die eigene Bevölkerung, sich vorzubereiten, aber auch an den Iran und seine Stellvertreter im Libanon und in Syrien: Wir wissen Bescheid, wir haben euch im Auge. Seid gewarnt.

Seit Monaten tobt in Syrien eine Auseinandersetzung zwischen dem Iran und Israel. Der Iran will sich militärisch in Syrien festsetzen und so der Grenze Israels noch näher kommen, um das "zionistische Gebilde", wie Israel von den Ayatollahs genannt wird, zu vernichten. Für Israel ist dies eine "roten Linie". Der jüdische Staat erklärte mehrfach, dass eine militärische Präsenz des Irans und seiner Handlanger in Syrien unter keinen Umständen geduldet werde.

Lange gelang es Israel, sich aus dem Syrienkrieg herauszuhalten. Die israelische Luftwaffe griff immer nur dann ein, wenn die Geheimdienste Hinweise hatten, dass der Iran der schiitischen Hisbollah-Miliz aus dem Libanon Waffensysteme liefern will, die das Kräftegleichgewicht zu Ungunsten Israels verändern würden.

Die israelischen Angriffe der vergangenen Wochen aber sind eine neue Stufe im immer spannungsreicheren Konflikt zwischen dem Iran und Israel. Nach dem Abschuss einer iranischen Drohne, die in das israelische Hoheitsgebiet eingedrungen war, und der Bombardierung iranischer Ziele in Syrien, die den Abschuss eines israelischen Jets zur Folge hatte, entschied sich Israel, eine noch aggressivere Politik zu verfolgen. Die Zerstörung des sogenannten "T4"-Lagers, von wo die Drohne gestartet war, bedeutete zugleich die Zerstörung eines Lagers mit mehreren Drohnen und angeblich weiteren Fluggeräten des Iran. Dabei kamen auch iranische Militärs um.

Ein Krieg, wie ihn die Region noch nicht erlebt hat

Die Bombardierung mehrerer Ziele vor rund 10 Tagen, bei der über 200 iranische Raketen zerstört worden sein sollen, werden ebenfalls Israel zugeschrieben. Angeblich hatte der Iran diese Raketen für einen Vergeltungsschlag gegen Israel nach Syrien gebracht. Den Vergeltungsschlag hatte der Iran als Reaktion auf die Zerstörung von "T4" angekündigt. Seitdem ist die israelische Armee in ständiger Alarmbereitschaft. Das ganze Land wartet darauf, was Teheran tun wird. Und droht mit massiver Vergeltung. In Syrien, aber sogar im Iran selbst.

Was sich hier im Nahen Osten zusammenbraut ist möglicherweise ein Krieg, wie ihn Israel, ja die gesamte Region so noch nicht erleben musste. Dass dieser Tag möglicherweise schon bald kommen wird, hat eine lange Vorgeschichte.

Man schrieb das Jahr 1993, das Oslo-Abkommen war soeben im Rosengarten des Weißen Hauses unterschrieben worden, Israels Premierminister Jitzchak Rabin hatte Yassir Arafat, dem PLO-Führer, die Hand gegeben. Viele hofften, es werde nun eine Ära des Friedens beginnen. Doch in Israel hetzte die Rechte gegen das Abkommen, es gab im ganzen Land Demonstrationen und gewalttätige Ausschreitungen. In einem Fernsehgespräch erläuterte Rabin, warum das Abkommen mit den Palästinensern eine Notwendigkeit, ja, ein Muss sei. Und dann sagte er: "Wir müssen uns auf unseren eigentlichen Feind konzentrieren, auf den Feind, der eine echte Gefahr für unser Land ist: Iran." 

Der Iran ist die größte Bedrohung für Israel

Ein Jahr vor dem Oslo-Abkommen hatte der Islamische Dschihad, eine palästinensische Terrororganisation, ein Attentat auf die israelische Botschaft in Buenos Aires verübt. Es war eine Reaktion auf die Tötung des damaligen Hisbollah-Generalsekretärs Abbas al-Musawi, der nach Überzeugung der Dschihadisten von den Israelis ermordet worden war. Die logistische Planung war sehr wahrscheinlich mit Hilfe schiitischer, vom Iran gesteuerter Kräfte erfolgt. 1994 kam es dann zum schwersten Bombenanschlag in der Geschichte Argentiniens. Bei dem Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires starben 87 Menschen, mehr als Hundert wurden verletzt. Hinter dem Anschlag vermutete man die Hisbollah und den Iran. Die Hisbollah hatte bereits in den Achtzigerjahren gegen die israelische Invasion im Libanon gekämpft und unterstand dem Befehl Teherans. 

Die israelische Führung verstand, dass mit der Hisbollah und dem Iran ein Gegner erwuchs, der langfristig ein viel größeres Problem darstellte als die arabischen Staaten oder die Palästinenser. Nachdem Israel 1979 mit Ägypten und 1994 mit Jordanien einen Friedensvertrag geschlossen hatte, war als einziger Nachbarstaat nur noch Syrien ein Problem. Doch in Damaskus wusste man, dass die eigene Armee der israelischen weit unterlegen war, an der Grenze blieb es jahrzehntelang ruhig. So wurde der Iran als Drahtzieher im Hintergrund zur größten Bedrohung Israels. Die Hisbollah attackierte Israel mit Raketen oder Anschlägen, was zu vielen Gefechten an der libanesisch-israelischen Grenze führte. Diese intensivierten sich nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Jahr 2000.

Im Sommer 2006 brach der zweite Libanonkrieg aus, nachdem die Hisbollah auf israelischem Territorium einen Armee-Jeep überfallen und zwei israelische Soldaten entführt hatte. In den darauf folgenden Wochen feuerte die Hisbollah Tausende Raketen auf israelisches Gebiet ab. Zwar konnte die israelische Armee der Hisbollah großen strategischen Schaden zufügen, vollständig besiegen konnte sie die Gruppe aber nicht. In Israel nahm man diesen Krieg in der öffentlichen Meinung als Niederlage wahr. 

Der Iran wurde für Israel auch im Süden des Landes zum Problem. Teheran unterstützt seit Jahren sowohl finanziell als auch mit Waffen Gruppen wie den Islamischen Dschihad in Gaza, ebenso mit kurzen Unterbrechungen die islamistische Hamas, die seit 2007 in dem Küstenstreifen das Sagen hat. Und so wird Israel heute vom Iran vom Norden und vom Süden her bedroht. Doch warum wurde der Iran überhaupt zum größten Feind Israels?

David Ben-Gurion, der Staatsgründer und erste Premierminister Israels, hatte früh nach Verbündeten im Nahen Osten gesucht. Drei Staaten kamen für ihn in Frage, Staaten, die nicht arabisch waren, und somit Gegner oder gar Feinde der arabischen Welt waren: Die Türkei, Persien und Äthiopien.

Die Islamische Revolution 1979 änderte alles

Während Äthiopien als politische oder militärische Macht schnell unwichtig wurde, waren die Allianzen, die Ben-Gurion mit Ankara und Teheran schmiedete, strategisch von großer Bedeutung. Die Beziehung zwischen Israel und dem persischen Regime des Schahs war eng und natürlich gewachsen. Seit 2500 Jahren existierte in Persien eine jüdische Diasporagemeinschaft, die bestens im Land integriert war. Heute leben im Iran noch knapp 30.000 Juden.

Mit der Islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs 1979 änderte sich alles. Revolutionsführer Ayatollah Khomeini erklärte nicht nur die USA, sondern auch Israel zum Feind. In jedem iranischen Pass steht bis heute ein Passus, dass das Dokument für alle Staaten gelte außer für "occupied Palestine" – und damit ist ganz Palästina gemeint, also auch der Teil, der heute international als Kernland Israels angesehen und völkerrechtlich als jüdischer Staat anerkannt ist. 

Die Drohungen aus Teheran sind deutlich

Khomeini begriff schnell, dass der Kampf gegen die Zionisten ein wichtiges Element war, um die Herzen der "arabischen Straße" zu erobern. Die schiitische Islamische Revolution sollte ja irgendwann auch in andere muslimische, sunnitische Staaten exportiert werden, es lag also nahe, sich zum Anwalt der unterdrückten Palästinenser zu machen, die den arabischen Gesellschaften wichtig sind. Anders übrigens als den arabischen Machthabern, für die die Palästinenser stets nur ein Spielball machtpolitischer Interessen waren.
Das gilt zwar auch für die schiitische Führung in Teheran, doch auf deren Weg zum eigentlichen Ziel, die Hegemonialmacht im Nahen Osten zu werden, bedienten sie sich der Propagandamaschinerie geschickter.

Die aktuellen Kriege im Nahen Osten sind inzwischen zu Stellvertreterkriegen in der Konfrontation sunnitischer Staaten, vor allem Saudi-Arabien, mit dem schiitischen Iran geworden. Iran versucht geostrategisch vorzugehen und zwei "schiitische Halbmonde" zu entwickeln. Der eine soll von Teheran über Bahrein bis nach Gaza führen. Der andere, vom Libanon über Syrien und den Irak nach Teheran, ist beinahe vollzogen, jetzt, wo der Krieg in Syrien zugunsten Assads und damit auch des Irans fast entschieden ist. 

Die Drohungen, die der Iran seit Jahrzehnten in Richtung Israel sendet, sind deutlich. Der frühere radikale iranische Premier Ahmadinejad kündigte an, man werde Israel von der Landkarte tilgen, der aktuelle iranische Führer, Ayatollah Khamenei, verkündet regelmäßig ähnliches. Die Tatsache, dass man im Norden und im Süden bereits eine "Grenze mit Teheran" hat, ebenso wie das langjährige Atomprogramm des Iran, sind selbst für linke Israelis Grund genug, die Vernichtungsdrohungen ernst zu nehmen. Im Ausland, vor allem in Europa, sind viele überzeugt, dass eine Nuklearmacht Iran niemals eine Bombe über Tel Aviv zünden würde, weil die Mullahs ja wüssten, dass Israel hundertfach zurückschlagen würde.

Viele Israelis, allen voran Premier Netanjahu, halten diese Beschwichtigungsversuche Europas für wohlfeil. Man hatte auch die Ankündigungen Adolf Hitlers in Mein Kampf für Unsinn gehalten, ein zweites Mal könne sich das jüdische Volk solch ein Fehlurteil nicht erlauben. Das Zünden einer Atombombe über Israel wäre das sichere Ende des jüdischen Staates, das Zünden vieler Atombomben über dem riesigen Persien aber nicht zwangsläufig das Ende des Irans.

Die große "Bibi-Show"

Berechtigte Sorgen plus das politische Spiel Benjamin Netanjahus mit den Urängsten des jüdischen Volkes: Das ist das problematische Gemisch, das das Handeln der politischen Führung in Israel derzeit bestimmt. Schon einmal schien Netanjahu soweit, den Iran anzugreifen. Im Spätsommer 2012 vereitelten der israelische Generalstab und die Geheimdienstchefs das Ansinnen Netanjahus. Doch heute sind sich Netanjahu und das Militär einig: Der Iran darf sich nicht in Syrien festsetzen.

Bereits jetzt soll es in Syrien eine Miliz von rund 20.000 Kämpfern geben, die von Teheran ausgebildet wird und ähnlich agieren soll wie die Hisbollah im Libanon. Viele Militärberater der iranischen Revolutionsgarden befinden sich in Syrien, zudem hat der Iran in den vergangenen Monaten begonnen, Militär- und Waffenlager in Syrien aufzubauen, die in den letzten Wochen eben zunehmend ins Fadenkreuz der israelischen Air Force gerieten. 

Netanjahu versucht Teheran zu provozieren

Nur einen Tag nach dem letztem Angriff auf iranische Ziele in Syrien folgte der große Medienauftritt Netanjahus, die inszenierte Show eines Mossad-Coups, der sicherlich ein geheimdienstliches Kunststück war: Die Entwendung des Atomarchives aus Teheran und dessen Überführung nach Tel Aviv, das im Einzelnen zeigte, wie weit das militärische Atomprogramm des Irans einst war. Doch warum die große "Bibi-Show"? Warum breitet Israels Premier eine Aktion des Mossad vor der Weltöffentlichkeit aus? Noch dazu hatte Netanjahu keinen Beweis dafür, dass Gefahr im Verzug ist und man deswegen das Atomabkommen mit dem Iran aufkündigen müsse. Die Medien waren sich schnell einig: Bibi versuchte seinem Freund im Weißen Haus die letzten Argumente zu liefern, um das auch von ihm gehasste Abkommen des Barack Obama platzen zu lassen.

Das war sicher ein Grund, warum Bibi diese Inszenierung zur besten Sendezeit suchte und Englisch sprach. Er wollte die Aufmerksamkeit aller amerikanischen Sender haben, von CNN bis Fox NEWS, darüber hinaus aber auch die iranische Führung vorführen. Der israelische Premier versucht Teheran zu einer übereilten Reaktion zu provozieren – um dann der Welt zu zeigen, wie gefährlich der Iran wirklich ist.

Es ist ein gewagtes Unterfangen. Doch Militärs und Politik scheinen sich einig: Die Konfrontation kommt sowieso. Also lieber jetzt als später. Lieber jetzt, wo die US-Truppen noch in Syrien stationiert sind und sich der Iran noch nicht vollständig in Syrien breit machen konnte. Lieber jetzt, da die sunnitischen Staaten, allen voran Saudi-Arabien, froh wären, wenn Israel den gemeinsamen Feind in die Schranken weisen könnte.

Ob diese Rechnung aufgeht? Die Angst ist in Israel überall spürbar, vor dem Iran, aber auch vor der eigenen Politik. Viele Israelis glauben, Netanjahu könnte die Konfrontation mit dem Iran missbrauchen, um sich an der Macht zu halten und von den Korruptionsvorwürfen gegen ihn abzulenken. Nur deswegen würde der an sich zögerliche Netanyahu wohl keinen Krieg beginnen. Aber niemand kann sicher sein, dass Bibis Kalkül aufgeht und womöglich etwas in Bewegung setzt, was bald niemand mehr kontrollieren kann.