Natürlich ist die Politik anfällig für seltsame Partnerschaften. Wie kann man sich sonst erklären, dass der Iran mit Nordkorea verbündet ist oder dass die USA die Regierungen Ägyptens oder Saudi-Arabiens unterstützen? Dennoch: Es ist erstaunlich, wie leicht in den westlichen Demokratien heute rechte und linke Populisten auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Von links nach rechts gedriftet

In Griechenland koaliert die regierende Linksaußenpartei Syriza mit der Anel am rechten Rand. Der Kreml unterstützt in vielen europäischen Ländern populistische Bewegungen, egal ob im linken oder rechten Spektrum. Im Großteil des Westens ignorieren die radikalen Rechten genauso wie die antiimperialistischen Linken die Kriegsverbrechen von Baschar al-Assad. Gleichzeitig glauben in den USA immer weniger Linke, dass Donald Trump eine Gefahr für den Weltfrieden sei. Sie sagen, die Grundpfeiler von Amerika seien so morsch, da helfe auch nicht der naive Glaube an Trumps Veränderungswillen. Außerdem sei doch sowieso nichts Gutes im Land übrig geblieben, das es wert wäre zu erhalten.  

Doch nach einer solch bizarren politischen Allianz wie derjenigen, die sich nun in Italien zusammengerauft hat, muss man lange suchen. Künftig soll das Land regiert werden von der Fünf-Sterne-Bewegung mit der xenophoben Lega. Lega-Chef Matteo Salvini stellte die Fremdenfeindlichkeit seiner Partei unlängst wieder unter Beweis, als er sich weigerte, demonstrativ einen Parteikollegen zu verurteilen, der in der Stadt Macerata gerade sechs afrikanische Migranten schwer verletzt hatte.  

Im Gegensatz zur Lega begann die Fünf-Sterne-Bewegung eigentlich im linken Politspektrum. Zwar hatte Beppe Grillo gelegentlich behauptet, politische Kategorien wie links und rechts seien nicht mehr zeitgemäß. Berühmt wurde Grillo aber für seine Attacken auf Silvio Berlusconi, den Populisten und Ex-Premier mit seinen zahlreichen dubiosen Kontakten. 

Den Namen trägt Fünf-Sterne wegen ihrer fünf idealistischen Forderungen, die sie gleich zu Beginn der Bewegung aufstellte: Die Wasserversorgung solle in öffentlicher Hand bleiben; die Regierung sollte mehr für den Umweltschutz tun; jede Stadt soll seinen Einwohnern freies Internet gewähren; Italien soll öffentlichen Nahverkehr und Fahrrad priorisieren und es soll sich für eine nachhaltige, weniger wachstumsorientierte Wirtschaftsentwicklung einsetzen. Inzwischen jedoch gärt es in der Bewegung, trotz ihrer gerechtfertigten Wut auf korrupte Politiker. So behaupteten Fünf-Sterne-Politiker etwa, dass die Terroranschläge am 11. September von der US-Regierung geplant seien, zudem baute man Kontakte zum Kreml aus und vertritt beim Thema Zuwanderung zunehmend fremdenfeindliche Haltungen.

Sobald sie Macht gewinnen, gleichen sich ihre Diskurse an

Bei den Regierungsverhandlungen ist die Fünf-Sterne-Bewegung dann buchstäblich umgekippt: Es wurde keine Mitte-links-Koalition mit der Partito Democratico geschlossen, sondern ein Pakt mit Salvinis Lega-Rassisten. Medienberichte deuteten bereits an, was die populistische Koalition zuerst durchsetzen wird: ein härteres Durchgreifen gegen Migranten. Die politische Logik prognostiziert zudem schon den nächsten Schritt: Da sich Lega und Fünf-Sterne in vielen Programmpunkten nicht einig sind, werden sie ihre Animositäten gegen die Europäische Union als verbindendes Element wählen. 

Gewarnt seien daher auch all jene, die nur den rechtsnationalen Populismus für gefährlich halten, diejenigen, die glauben, dass der Aufstieg linker Populisten nur eine harmlose Konsequenz von Versäumnissen liberaler Demokratien sei. Im Buch "The Populist Explosion" argumentiert US-Autor John Judis etwa, dass Rechtspopulismus sehr wahrscheinlich zu Ungerechtigkeit und Gewalt verleite. Er führt das auf eine Art Dreierkonstellation im Rechtspopulismus zurück: Ein Populist wie Trump würde behaupten, die Stimmen der normalen Bürger zu kanalisieren, und zwar einerseits im Kampf gegen die Eliten und andererseits gegen muslimische und afroamerikanische Minderheiten. Linker Populismus sei dagegen nicht so gefährlich, er habe eine Zweierkonstellation, denn er konzentriere sich darauf, den Konflikt zwischen den normalen Bürgern und den politischen Eliten zu lösen. Dabei mache er eben keine Außenseiter zu Sündenböcken. 

Judis übersieht allerdings, dass Ideologie nicht die Hauptmotivation der Populisten ist. Populisten prägen einen politischen Stil, der einerseits fixiert ist auf verhasste Bösewichte und politisch einfache Lösungen anstrebt und andererseits die Institutionen repräsentativer Demokratien verachtet. Das erklärt, warum linkspopulistische Bewegungen zu Beginn noch ganz anders klingen als ihre rechten Mitspieler. Sobald sie aber an Macht gewinnen, gleichen sich ihre Diskurse immer mehr an. In Judis' Argumentation haben die Fünf-Sterne-Bewegung wie auch Hugo Chávez in Venezuela und Bewegungen in vielen anderen linken Diktaturen in einer Zweierkonstellation begonnen. Doch die Leichtigkeit und die Schnelligkeit, mit der sie die dritte, zutiefst xenophobe Seite ausgebildet haben, macht die Unterscheidung in Zweier- und Dreierkonstellationen eher undurchsichtig.

Historische Vergleiche sind immer schwierig, das gilt vor allem für den Hitler-Stalin-Pakt, als monströseste Allianz linker und rechter Ideologen, und für andere düstere Momente der Menschheitsgeschichte. Wir sollten uns aber nicht zu sehr von Karl Marx trösten lassen, der sagte, wenn sich die Geschichte wiederholt, wird aus der einstigen Tragödie eine Farce. Heute funktioniert die Welt anders als zu Zeiten von Hitler und Stalin. Dennoch haben die vielen finsteren Episoden im 20. Jahrhundert gezeigt, was passieren kann, wenn Linke die liberale Demokratie so sehr verurteilen, dass sie Bündnisse mit Rechten eingehen. Selbst wenn die Folgen weniger tragisch sind als damals, werden sie trotzdem unsägliches Leid und Unmenschlichkeit in die Welt bringen.