Immer wenn von einer politischen Krise in Italien die Rede ist, hört man den Satz: "Ach, die Italiener! Sie schaffen es doch immer, irgendwie!" Es ist das sprichwörtliche Vertrauen in die scheinbar unerschöpfliche Kreativität der Italiener.

64 Regierungen in 72 Jahren Nachkriegsgeschichte dienen dafür als Beleg. Es waren erfolgreiche Jahre. Aus einer agrarisch geprägten Nation wurde in den Jahrzehnten nach dem Krieg eine führende Industrienation. Es gab Stabilität und Wachstum, trotz häufig wechselnder Regierungen. Das ist das klassische italienische Paradox.

Nun aber, da alle Versuche, Italien eine Regierung zu geben, gescheitert sind, und es wahrscheinlich sehr bald Neuwahlen geben wird, ist wieder zu hören: "Ach, die Italiener …"

Doch wer jetzt noch auf den Genius Italicus vertraut, ist blind vor Italophilie. Diese Krise nämlich ist anders als alle anderen zuvor. Allein die Zusammensetzung des agierenden Personals zeigt dies. Die politischen Führer Italiens sind allesamt relativ jung. Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) ist 31 Jahre alt, Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega ist 45 Jahre, und Matteo Renzi von den Sozialdemokraten (PD) ist 43 Jahre alt. Diese drei tragen die Hauptverantwortung dafür, dass Italiener nun Neuwahlen entgegengehen müssen – obwohl das die Wähler nicht wollen, und Staatspräsident Sergio Mattarella sich bis zuletzt dagegenstemmte. Ganz zu schweigen von der Europäischen Union, die in ihrer augenblicklichen Verfassung alles andere als eine Verlängerung der italienischen Malaise gebrauchen kann.

Unfähigkeit zum Kompromiss

Doch das alles brachte die drei relativ jungen Männer von ihrer Sturköpfigkeit nicht ab. Die Ursache für das Desaster liegt in der Unfähigkeit der drei zum Kompromiss. Das ist nicht nur ein persönliches Defizit dieser Politiker, es ist auch ein struktureller Mangel.

Denn Renzi, Di Maio und Salvini sind, auch wenn unterschiedlich nuanciert, als Populisten erfolgreich gewesen. Sie machen seit Jahren Wahlkampf mit Maximalforderungen und Maximalversprechungen. Davon aber kommen sie jetzt nicht mehr runter. Sie sind die Gefangenen ihrer Wähler geworden, die sie jahrelang mit der Droge "Wenn wir dran sind, wird alles neu" aufgeputscht haben. Und jetzt fehlt ihnen der Mut, die Phantasie und das staatspolitische Verantwortungsgefühl, aus diesem Gefängnis zum Wohl des Landes auszubrechen.

Diese jungen Politiker könnten viel lernen von ihren Vorgängern, denen sie immer mit Verachtung begegnet sind. Italien hatte die stärkste Kommunistische Partei Europas und eine ihnen unversöhnlich gegenüberstehende Christdemokratische Partei, und doch schlossen die Politiker mitten im Kalten Krieg Kompromisse. Wenn die Kommunisten vor der Entscheidung standen: Italien oder die Weltrevolution, entschieden sie sich doch immer für Italien. Und auch die Christdemokraten arbeiteten in Zeiten der größten Krise mit ihrem Klassenfeind zusammen, wenn es dem Land diente. Dass viele dieser Kompromisse buchstäblich erkauft wurden und die Staatsschulden aufblähten, das ist richtig. Aber angesichts der eklatanten Verantwortungslosigkeit der neuen politischen Klasse, erscheint das fast schon wie eine lässliche Sünde.

Italien ist und war immer ein tief zerrissenes Land, zwischen Nord und Süd, zwischen Katholiken und Kommunisten, zwischen den einzelnen Regionen – es ist ein relativ junges, mühsam zusammengenähtes Land. Viel Staatskunst war nötig, um es zu regieren. Diese fehlt den jungen Führern offenbar ganz und gar. Selbst am Abgrund stehend, haben sie nichts Besseres zu tun, als zu streiten. Das macht diese italienische Krise so beängstigend.