Giovanni Orsina, geboren 1967, ist Professor für moderne Geschichte an der Luiss School of Government in Rom und einer der bekanntesten Parteien- und Populismusforscher Italiens. Er forscht auch zu den verschiedenen politischen Systemen Europas.

ZEIT ONLINE: Herr Orsina, machen Sie sich Sorgen um die politische Zukunft Ihres Landes?

Giovanni Orsina: Ja. Wir erleben eine der schwersten Krisen in Italiens politischer Geschichte. Die Italiener sind sehr besorgt, es kommen sehr schwierige politische Entscheidungen auf uns zu.

ZEIT ONLINE: Der frühere Experte des internationalen Währungsfonds, Carlo Cottarelli, führt nach dem Wunsch des Präsidenten eine Übergangsregierung. Er will nun den Haushalt verabschieden und dann Neuwahlen ausrufen. Wie lange wird das dauern?

Orsina: Ich glaube nicht, dass die Übergangsregierung lange halten wird. Wir werden wahrscheinlich schon bald Neuwahlen haben. Mich beunruhigt der Gedanke an den neuen Wahlkampf. Der könnte sehr unangenehm werden, wenn sich das Meinungsklima in Italien weiter aufheizt. Ich hoffe, dass vernünftig diskutiert wird und realistische Argumente auf den Tisch kommen. Es ist außerdem schwer zu sagen, ob sich die Fünf-Sterne-Bewegung nach möglichen Neuwahlen weiter mit der Lega verbündet oder ob sich die Lega zu ihrem alten Bündnispartner Forza Italia wendet.

ZEIT ONLINE: Hat die Fünf-Sterne-Bewegung für ihre Wähler überhaupt noch Glaubwürdigkeit, nachdem sie mit Rechtsextremen koalieren wollte?

Orsina: Es hängt stark vom einzelnen Wähler ab, wie er das nun gescheiterte Bündnis bewertet. In Italien gibt es inzwischen zwei politische Trennlinien: zwischen rechts und links und zwischen Anti- oder Pro-Establishment. Die Fünf-Sterne-Bewegung ist weder links noch rechts. Viele Anhänger sind hauptsächlich gegen das Establishment und weil die Lega auch die etablierten Parteien kritisiert, ist ein Bündnis für sie akzeptabel. Natürlich gibt es auch Wähler aus dem linken Politspektrum, die die Koalition nicht befürwortet haben. Es kommt jetzt sehr darauf an, mit wem sich die Fünf Sterne im Wahlkampf neu verbünden. Wenn sie weiterhin mit der Lega gemeinsame Sache machen wollen, wird sie das ein paar Stimmen kosten, aber bis jetzt haben sie in den Umfragen nicht viel einbüßen müssen. Außerdem haben sie nach dem Scheitern ihrer Regierung eine viel größere Plattform.

 ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Orsina: Sie können jetzt behaupten, dass das europäische Finanz- und Politiksystem sie daran gehindert hat, ihre Wahlversprechen umzusetzen. Das passt gut in ihre Anti-Establishment-Rhetorik. Ihre anderen politischen Forderungen sind im Moment nicht so wichtig. Sie werden eher nach den Neuwahlen wieder eine Rolle spielen. Die linken Fünf-Sterne-Anhänger könnten natürlich enttäuscht sein und künftig andere Parteien wählen. Die Frage ist aber, welche das sein sollte. Wirkliche Alternativen gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio, forderte die Absetzung des Präsidenten Sergio Mattarella. Dieser sei ein Sklave der Finanzmärkte und der europäischen Regierungen. Ist das auch im Interesse des Lega-Chefs Matteo Salvini?

Orsina: Matteo Salvini schimpft zwar auch auf Europa, hat aber eine Amtsenthebung des italienischen Präsidenten gefordert. Er ist clever. Bei einem Amtsenthebungsverfahren müsste die Mehrheit im Parlament zustimmen. Ich glaube, dass es nur ein politisches Manöver ist, aber keine Konsequenzen haben wird. Die Lega kann mit Neuwahlen übrigens gut leben. Sie könnte stärkste Partei werden.

ZEIT ONLINE: Sie haben intensiv zur politischen Ära von Silvio Berlusconi geforscht. Inwiefern ist die aktuelle Lage die Konsequenz seiner Politik?

Orsina: Was wir heute erleben, begann in den Neunzigerjahren. Damals lösten sich die historischen Volksparteien in Italien auf. Vereinfacht gesagt: 1993 starben unsere CDU und unsere SPD. Italien durchlebte eine schwere politische Krise. Danach füllte Berlusconi die Lücke und ab 1994 verkörperte er das politische System allein. Man war entweder für oder gegen ihn. 2011 steckte Italien dann tief in der Schuldenkrise. Das System Berlusconi konnte sich nicht länger tragen. Eine technokratische Regierung unter Premierminister Mario Monti konnte die Probleme auch nicht lösen. Das Bedürfnis nach Parteien, die die italienische Demokratie wiederherstellen können, ist groß. Nur deshalb konnten die Populisten so stark wachsen. Sie waren die Einzigen, die versprachen, die Politik nach den Bedürfnissen der Italiener zu richten und nicht nach ihren Verpflichtungen in Europa.