Ausgerechnet Angela Merkel, auf die Idee muss man erst einmal kommen! Ausgerechnet die Frau, der es so schwerfällt, Worte für ihre Politik zu finden, darf nun Emmanuel Macron rhetorische Girlanden flechten. Dem Mann, der so besonders schöne Reden hält. An diesem Donnerstag wird der französische Präsident in Aachen mit dem Karlspreis ausgezeichnet – und Merkel hält die Festrede. Was für eine Pointe.

Und was für eine Gelegenheit! Denn Merkel könnte endlich die Gelegenheit ergreifen und tun, was sie bislang unterlassen hat: eine Antwort auf Macrons europäische Initiative formulieren, also ihre künftige Europapolitik skizzieren. Seit einem Jahr ist Macron im Amt, und während er das eigene Land mit großer Entschlossenheit und mancher Härte umkrempelt, ist er in der Europäischen Union bislang nicht recht vorangekommen.

In Aachen wird er gleichwohl für seine europäischen Verdienste geehrt, die Auszeichnung erinnert an Barack Obamas Friedensnobelpreis: Auch der damalige US-Präsident wurde, kaum war er im Amt, vor allem für seine schönen Reden und guten Absichten geehrt. Auch Obamas außenpolitischer Elan musste sich dann an einer garstigen Wirklichkeit beweisen.

Deutschland ist wie ein gelangweilter Gourmet

Die Wirklichkeit, mit der Macron in der EU umgehen muss, heißt Angela Merkel. Die ist nicht garstig, aber schwer zu verstehen ist sie schon. Merkel hat einen wesentlichen Teil ihrer Kraft in den vergangenen Jahren darauf verwandt, die Europäische Union beieinanderzuhalten. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, Europa durch viele Krisen zu manövrieren. Und auch wenn sie dabei nicht alles richtig gemacht hat, ohne Merkels Führung stünde es heute schlechter um diese Union. Doch ausgerechnet jetzt, da sie in Paris endlich den langersehnten, ambitionierten Partner hat, droht Merkel als Europapolitikerin zu verschwinden.

Nicht alles, was Macron für die EU vorgeschlagen hat, ist gleichermaßen originell. Insbesondere seine ursprünglichen Ideen für die Währungsunion, die Forderungen nach einem Eurobudget etwa oder einem europäischen Finanzminister, sind alte französische Hüte. Der Osten Europas interessiert ihn eher weniger, und wenn er es für geboten hält, verfolgt auch Macron sehr entschieden nationale Interessen. Man muss ihn deshalb nicht heiligsprechen, um dennoch seine eigentliche Leistung zu erkennen: Der französische Präsident ist der erste führende Politiker der Union, der versucht, eine konzeptionelle Antwort auf die verschiedenen europäischen Krisen zu formulieren – und legt damit die konzeptionelle Leerstelle der deutschen Europapolitik offen.

Macron will die "Neugründung" – was will Deutschland?

Macrons Initiative für eine "Neugründung" (refondation) Europas kreist im Wesentlichen um zwei Motive. Der französische Präsident will "europäische Souveränität" möglich machen und die Union den Bürgern als feste Burg empfehlen, als Schutz gegen die Herausforderungen unserer Zeit, von Donald Trump bis zur Digitalisierung. L'Europe qui protège, ein Europa, das seine Bürger schützt. Von diesen beiden Motiven leitet Macron alles Weitere ab: gemeinsame Verteidigung, gemeinsame Grenzsicherung, eine gemeinsame Asylpolitik. Und eben auch mehr europäische Investitionen.

Die deutsche Politik verhält sich gegenüber dieser konzeptionellen Anstrengung wie gelangweilte Gourmets in einem neu eröffneten Drei-Sterne-Lokal: Man mäkelt hier, man mäkelt da und weiß vor allem immer schon, was nicht schmeckt. Dabei wäre es höchste Zeit, Merkel würde endlich ein paar eigene Ideen auftischen.

Zum Beispiel in der Währungsunion: Die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds (EWF) war ursprünglich eine Idee von Wolfgang Schäuble. Sie diente demselben Ziel, das Macron formuliert: die Eurozone – und damit Europa – unabhängiger zu machen, in diesem Fall von auswärtigen Geldgebern. Aber wie ein solcher Währungsfonds aussehen könnte, hat die Bundesregierung bis heute nicht verraten.

Zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik: Der Versuch, auch unwillige EU-Länder per Quote zur Aufnahme von Flüchtlingen zu zwingen, gilt auch in Berlin als gescheitert, nur will das niemand sagen. Dabei wäre dieses Eingeständnis die Voraussetzung dafür, eine andere, bessere Lösung zu finden.

Zum Beispiel in der Energiepolitik: Bis vor Kurzem verteidigte Merkel die umstrittene Gaspipeline Nordstream 2 mit dem Argument, es handele es sich um ein wirtschaftliches, kein politisches Projekt. Dabei konterkariert die Röhre nicht nur ihre eigene Ukrainepolitik, sie untergräbt auch das Ziel der EU, unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu werden. Trotzdem hält die Bundesregierung daran fest.

Deutschland muss nicht alles richtig finden, was Macron vorschlägt. Aber Merkel muss ihre Europapolitik endlich auf die Höhe der eigenen Ansprüche bringen. Die Festrede auf Macron ist eine prima Gelegenheit dafür.