Am Dienstagmittag erschraken Journalisten die Gäste eines Hotels in Berlin-Charlottenburg. Die Gäste waren eigentlich nur mit dem Aufzug in die Lobby gefahren. Aber als sich die Türen öffnen, richten sich Dutzende laufende Kameras auf sie.

Quim Torra ist in der Hauptstadt, der neue katalanische Regionalpräsident. Er besucht Carles Puigdemont, den von Madrid abgesetzten Katalanen-Führer. Sie wollen besprechen, wie es nun weitergehen soll mit dem Projekt Unabhängigkeit. Dazu luden sie auch die Presse in dieses Hotel, jeden Augenblick sollen die beiden mit dem Aufzug nach unten kommen. Erstmal stolpern aber nur ahnungslose Geschäftsmänner heraus und blinzeln verwirrt ins Scheinwerferlicht.

Es ist ein Politikum, dass der gewählte Präsident einer spanischen Region als Erstes nach Deutschland fliegt, um sich dort von seinem in Ungnade gefallenen Vorgänger anweisen zu lassen. Quim Torra sagt selbst, dass er sich als eine Art Statthalter Puigdemonts in Barcelona sieht.

Und es ist auch ein Hinweis darauf, dass es politisch nicht gut läuft für die Unabhängigkeitsbewegung. Viele Separatisten sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft und Puigdemont muss in Berlin bleiben, wo die deutsche Justiz ein Auslieferungsersuchen der spanischen Richter gegen ihn prüft. 

Katalonien - Quim Torra wird neuer Regionalpräsident Die katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter haben Quim Torra mit der Mehrheit von nur einer Stimme zum neuen Regionalpräsidenten gewählt. Damit endet die über ein halbes Jahr andauernde Zwangsverwaltung durch die Zentralregierung in Madrid. © Foto: Juan Medina/Reuters

Der katalanische Konflikt spielt sich längst in Deutschland ab

Nur mit viel Mühe hat er überhaupt einen Nachfolger für seine Arbeit in Katalonien gefunden. Die spanische Justiz hat Puigdemont verboten, sich in Abwesenheit noch mal zum Präsidenten wählen zu lassen. Andere Anwärter hatten keine Unterstützung im ungleichen Bündnis der Unabhängigkeitsparteien oder sie wurden verhaftet. Erst im vierten Anlauf einigte sich das Bündnis auf einen Kandidaten, der nun auch rechtmäßig gewählt ist, nämlich Torra.

Und der sagt ganz offen, dass er gar nicht den Anspruch habe, allzu eigenständig zu regieren. Er will in enger Absprache mit seinem Vorgänger in Berlin das Projekt Unabhängigkeit der Region weiterverfolgen. Gleichzeitig muss er aufpassen, nicht wie seine politischen Partner von der spanischen Justiz aus der aktiven Politik entfernt zu werden.

Politisch sind die Separatisten bisher erfolglos, nur medial läuft es gut. Das hat die Bewegung auch der Festnahme Puigdemonts in Deutschland zu verdanken. Selbst die ranghöchsten deutschen Politiker haben in den vergangenen Wochen Position zur katalanischen Sache bezogen. Sie mussten. Der katalanische Konflikt spielt sich aufgrund der Umstände längst in Deutschland ab, ob die Bundesregierung das will oder nicht.

Um Viertel nach vier Uhr mittags treten Quim Torra und Puigdemont also in Berlin-Charlottenburg aus dem Aufzug, beide in ihren Fünfzigern, früher mal Journalisten, beide elegant gekleidet. Die gelben Solidaritätsschleifen mit den "politischen Gefangenen" in der Heimat haben sie sich sorgsam ans Revers geheftet.

Sie posieren fachmännisch für die Kameras, erst in der Lobby, dann im Steingarten des Hotels, weil das Licht dort besser ist. Dann beginnt die ebenfalls geschickt inszenierte Pressekonferenz. Torra betont noch mal, er sei "loyal" und "dankbar", dass Puigdemont ihn zum Präsidenten auserkoren habe. Er wolle den Katalanen ein "kümmernder" Präsident sein. Mehrfach fordert er den spanischen Premier Mariano Rajoy zum "Dialog" auf und gibt sich entgegenkommend: "Sie bestimmen Zeit und Ort."

Doch es ist ein vergiftetes Angebot. Madrid solle eben bitte auch anerkennen, dass die Katalanen für die Unabhängigkeit gestimmt hätten. Wie immer verschweigen die Unabhängigkeitsbefürworter dabei, dass nur 40 Prozent der Katalanen an einem entsprechenden Referendum im vergangenen Oktober teilnahmen und diese Wahlbeteiligung nicht objektiv überprüfbar ist.