Für ein paar Stunden war Quim Torras Traum Realität. Kurz nachdem Carles Puigdemont ihn zu seinem Nachfolger designiert hatte, stand auf seiner Wikipedia-Seite unter der Rubrik Staatsangehörigkeit "Katalanische Republik". Inzwischen ist der Eintrag korrigiert und die Autoren des Internetlexikons werden in den nächsten Tagen noch ein paarmal Hand anlegen müssen.

An diesem Samstag soll das Parlament in Barcelona den 55-jährigen Anwalt aus Blanes zum Präsidenten wählen. Es gilt als sicher, dass er im ersten Wahlgang scheitern wird. Die linksradikale CUP hat jedem Kandidaten, der nicht Carles Puigdemont heißt, ihre Unterstützung untersagt. Ohne die vier Stimmen der CUP haben die Unabhängigkeitsparteien keine absolute Mehrheit. Torra wird dann am Montag zum zweiten Mal ans Rednerpult treten und könnte dann mit der einfachen Mehrheit der beiden großen Unabhängigkeitsfraktionen Junts per Catalunya und Esquerra zum Präsidenten gewählt werden. Vorausgesetzt die CUP bleibt bei der angekündigten Enthaltung und das spanische Verfassungsgericht hebt nicht das Stimmrecht der beiden im Ausland lebenden Abgeordneten Carles Puigdemont und Toni Comín auf. Das hat die konservative Volkspartei des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy am späten Freitagnachmittag beantragt.

Der Antrag hat nur geringe Chancen, aber das Manöver zeigt, dass Quim Torra alles andere als ein Wunschkandidat der Regierung in Madrid ist. Der Anwalt, der lange in der Versicherungsbranche in der Schweiz gearbeitet hat, gilt als ideologischer Hardliner. Politische Erfahrung hat er kaum.

"Die Spanier verstehen sich nur aufs Plündern"

Denoch ist der joviale Mittfünfziger, der sich in der Öffentlichkeit gern mit einer altmodischen Fliegerkappe zeigt, in der Unabhängigkeitsbewegung kein Unbekannter. 2016 leitete er für einige Monate die Geschicke der Kulturorganisation Òmnium. Davor war er Direktor des Kulturzentrums Born. Barcelonas damaliger Bürgermeister Xavier Trias hatte ihn damals mit dem Prestigeprojekt betraut.

Anlässlich des 300. Jahrestages der Niederlage im spanischen Erbfolgekrieg 1714, der jedes Jahr am 11. September zelebrierten Diada, sollte Torra ein Ruinenfeld in eine Pilgerstätte des katalanischen Nationalismus verwandeln. Unter einer ehemaligen Markthalle im Altstadtviertel Born hatte man die Überreste der damals von den bourbonischen Truppen nach einjähriger Belagerung geschleiften Stadt freigelegt. Stolz präsentierte Torra damals den gigantischen, genau 17,14 Meter hohen Fahnenmast auf dem sonst leeren Vorplatz und bezeichnete die Ausgrabungsstätte zur Verblüffung der angereisten, ausländischen Journalisten als "Ground Zero" der Unabhängigkeitsbewegung, als "Klagemauer" eines unterdrückten Volkes.

Das Born Centre Cultural hat seine Ausrichtung inzwischen geändert, aber Torras Geschichtsinterpretation hat Schule gemacht: Für viele Independentistes führt eine gerade Linie von der Unterdrückung durch die siegreichen Bourbonen ins Heute.

Quim Torra hat immer wieder klar gemacht, dass für ihn die Unabhängigkeit der einzige Weg ist. Ein Verbleib in Spanien, selbst unter ganz anderen Vorzeichen? Nicht mit ihm. "Die Fahne, die der des monarchistischen Spaniens am meisten ähnelt, ist die des republikanischen Spaniens", schrieb er einmal in Abwandlung eines katalanischen Bonmots. Minuten nach seiner Designation zum Puigdemont-Nachfolger veröffentlichten sämtliche große Zeitungen seine polemischsten Äußerungen, eine Reihe abschätziger Tweets aus dem Jahr 2012. "Die Spanier verstehen sich nur aufs Plündern", schrieb er damals. Und, während der Regionalwahlen 2012: "Wir Katalanen wählen und die Spanier kommen, um uns zu bewachen. Raus! Haut ab und lasst uns in Frieden." Bei seinem ersten Auftritt vor der Presse hat sich Torra am Freitagnachmittag dafür entschuldigt.