Humberto de La Calle, ehemals Chefunterhändler der kolumbianischen Regierung für den Friedensprozess mit der Farc-Guerilla, wählte für seine Ansprache drastische Worte. "Wenn wir so weitermachen, ziehen wir mit geschlossenen Augen in einen Krieg", warnte er am vergangenen Sonntag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, verbreitete er seine Botschaft auch über Facebook und Twitter. "Sie werfen den Frieden weg", sagte de La Calle, der sich derzeit für die Liberale Partei um die Präsidentschaft des Landes bewirbt. Und nach seiner Überzeugung haben einige in diesem Wahlkampf keine guten Absichten, was das Friedensabkommen mit der Farc angeht.

De la Calle nannte auch Namen: Iván Duque, Präsidentschaftskandidat der Partei Centro Democrático, und dessen Mentor, der einflussreiche ehemalige Präsident Álvaro Uribe Vélez, torpedierten den Frieden mit einem "Gewebe aus Trug und Hass", sagte de La Calle. Der Oberste Gerichtshof habe dem Parlament die Möglichkeit eingeräumt, das Friedensabkommen zu verraten, und ein weiterer Präsidentschaftskandidat, Germán Vargas Lleras, wirke daran gemeinsam mit der Partei Cambio Radical mit. Der Farc mangele es an Mitgefühl mit den Kolumbianern und die Regierung sei nicht in der Lage, den Friedensvertrag wirklich umzusetzen.

"Dies ist ein Aufruf von nationaler Bedeutung", sagte de La Calle. "Sie sagen mir, dass das meine Wahlkampagne beeinflussen wird. Das ist nicht wichtig. Ich bitte das Kolumbien, das am meisten gelitten hat, sich zu mobilisieren." Damit meinte er die Menschen auf dem Land, die am härtesten von der Gewalt des Krieges getroffen wurden.

Zehn Tonnen Kokain für die USA

Der ehemalige Chefunterhändler für den Friedensprozess fürchtet offenbar um sein Lebenswerk. Vier Jahre lang hatten de La Calle und sein Team mit hochrangigen Kadern der Farc-Guerilla über einen Friedensvertrag verhandelt, bevor beide Parteien im Juni 2016 einen endgültigen Waffenstillstand vereinbarten. Der Krieg hatte fünf Jahrzehnte gedauert. Hunderttausende waren in ihm umgebracht und mehr als sieben Millionen Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben worden. Das Abkommen, das de La Calle ausgehandelt hatte, war immer umstritten – viele Kolumbianer nehmen der Farc ihre Abkehr von der Gewalt nicht ab und misstrauen ihren Anführern, die nun in die Politik drängen –, aber es brachte für viele die Hoffnung auf Frieden.

In den vergangenen Monaten aber schwand die Hoffnung. Der Frieden ist brüchig: Nicht alle Kämpfer der Farc haben ihre Waffen niedergelegt. 1.100 bis 1.400 sogenannte Dissidenten sollen noch immer aktiv sein. Andere haben die Übergangscamps wieder verlassen, in denen sie auf die Rückkehr ins zivile Leben vorbereitet werden sollten, weil sie in ihnen keine Perspektive für sich finden oder Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben. Im Süden Kolumbiens, an der Grenze zu Ecuador, sind die Gruppen der Farc-Abweichler besonders aktiv. Vor Kurzem entführten und ermordeten sie dort zwei Journalisten und deren Fahrer, jetzt sollen sie ein junges Paar in ihrer Gewalt haben.

Die Regierung kommt in der Umsetzung des Friedensabkommens, etwa durch konkrete Gesetze, nicht voran. Dort aber, wo sich die Farc tatsächlich zurückgezogen hat, sickerten andere bewaffnete Gruppen ein und bedrohen die Menschen. Um ihre Macht zu sichern, bringen sie jene um, die ihnen gefährlich werden könnten – oft sind das Aktivisten, die sich gegen den Drogenanbau wenden, für die Rückgabe von Land an Vertriebene einsetzen oder auf andere Art für den Frieden engagieren. Seit Abschluss des Friedensvertrags seien in Kolumbien mehr als 80 lokale Führungspersönlichkeiten getötet worden, berichtet das Portal ¡Pacifista!.

Die Farc hatte den Friedensvertrag unterzeichnet, weil ihre Anführer kaum noch Aussichten sahen, ihren Kampf auf bewaffnetem Weg zu gewinnen. Im Gegenzug versprachen sie sich gute Chancen, von der Justiz unbehelligt zu bleiben. Die politische Laufbahn versprach ihnen Einfluss, denn zehn Parlamentssitze wurden ihnen im Friedensabkommen garantiert, unabhängig von Wählerstimmen. Inzwischen hat sich die Guerilla auch formal zu einer politischen Partei gewandelt.

Seuxis Paucis Hernández Solarte sollte für die Farc ins Parlament einziehen. Doch seit Anfang April sitzt Solarte, sein Kampfname ist Jesús Santrich, im Gefängnis. Die kolumbianische Staatsanwaltschaft nahm ihn fest, weil er angeblich vorgehabt hatte, zehn Tonnen Kokain in die USA zu liefern und weil die US-Regierung via Interpol seine Auslieferung fordert. Im Bürgerkrieg gehörte die Farc noch zu den wichtigsten Akteuren des kolumbianischen Kokainmarkts, doch als sie den Friedensvertrag schloss, schwor sie dem Drogenhandel ab.