Die letzte Wahl ist noch kein Jahr her, da durften die Engländer am Donnerstag schon wieder ins Wahllokal gehen. Nach der Parlamentswahl im vergangenen Juni ging es diesmal darum, die Lokalregierungen neu zu besetzen. Mehrere Tausend Sitze in englischen Gemeinderäten wurden neu gewählt, darunter alle 32 Londoner Gemeindebezirke, dazu die Bürgermeister in größeren Städten.

Die Beteiligung an den Lokalwahlen ist meist relativ niedrig und oft sind es Themen wie Müllabfuhr und Schlaglöcher, die ausschlaggebend sind. Dennoch zeigen die Ergebnisse Trends für die landesweite Politik und geben Hinweise darauf, wo die Wähler und die Parteien stehen. Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt, aber drei Trends können bereits ausgemacht werden.

Wie erwartet gewann die Labour-Partei in der Hauptstadt hinzu, allerdings schnitt sie weniger gut ab, als es manche erwartet hatten. Die Partei dominiert die Londoner Lokalpolitik seit rund zehn Jahren und hat in den meisten Gemeindebezirken eine Mehrheit an Ratsabgeordneten, sogenannten councillors. Von den inneren Stadtbezirken sind traditionell nur drei in konservativer Hand: Westminster, Wandsworth und Kensington and Chelsea.

Labour und der Antisemitismus

Im Vorfeld der Wahlen hatte Labour gehofft, einen oder mehrere dieser Bezirke zu erobern, was einer Sensation gleichgekommen wäre. Besonders in Kensington, wo im vergangenen Juni der tödliche Großbrand vom Grenfell Tower zu heftiger Kritik an den Tories geführt hatte, wurde ein starkes Votum für Labour erwartet.

Am Ende gewann die Opposition zwar Sitze hinzu, aber die Konservativen vermochten alle drei Bezirksräte zu halten. Im Stadtteil Barnet konnten die Tories gar die Kontrolle über den Rat gewinnen. Vor den Wahlen hatte sich Labour auch hier Chancen ausgemalt, eine Ratsmehrheit zu erreichen, und der Sieg für die Tories ist denn auch besonders bitter für die Linke.

Der jüngste Streit um Antisemitismus innerhalb der Partei spielte hier eine entscheidende Rolle: In Barnet sind rund 16 Prozent der Bevölkerung jüdisch. Die in den vergangenen Monaten erhobenen Vorwürfe, dass sich die Labour-Führung nicht entschlossen genug gegen Antisemitismus einsetze, dürfte viele Anwohner von einem Votum für die Partei abgehalten haben.

Im Rest Englands konnten sich die Tories konsolidieren und insgesamt fielen die Resultate für die Regierungspartei unerwartet positiv aus. In manchen Kommunen eroberten sie die Ratsmehrheit, etwa in Peterborough oder Nuneaton. Insgesamt zeigen die Resultate einen deutlichen Gegensatz zwischen großen Städten, in denen sich Labour behauptete, und dem Rest des Landes, wo sich die Unterstützung für die Tories hält.

Theresa May kann also erst mal aufatmen. Die Lokalwahlen waren der erste Test nach der vermasselten Parlamentswahl vom vergangenen Juni, bei dem sie nach einer desaströsen Kampagne die Mehrheit im Unterhaus verlor. Seither ist die Position der Premierministerin wacklig und den vergangenen Monaten war der Druck nochmal gewachsen – die harten Brexit-Verhandlungen bereiten ihr Schwierigkeiten, sie hat Mühe die EU-Gegner und -Anhänger in ihrem Kabinett für eine gemeinsame Strategie zu gewinnen.