Drei junge Studenten, Dana, Wissam und Alaa, besuchen eine Konferenz zum Thema Fake News in einem Fünfsternehotel in Beirut. In der Pause am Buffet: Der deutsche Reporter stellt eine dumme Frage zu den Wahlen. So was in der Art: Wie orientiert ihr euch in diesem Dschungel an Kandidaten, alle mit den gleichen Plakaten? Wissams Arme rudern, die Gebäckkrümel fliegen: "Wen schon, wenn doch alle lügen! Die Kandidaten, die Medien, alles ein großer dummer Witz!"

Das alles in so vielen Worten und Widerworten, es folgt ein Gefühl der Scham, sich der Wut so hingegeben zu haben. Es ist das traurige Gesicht der hübschen Dana, das uns den Spiegel vorhält. Wutbürger, Lügenpresse. Nichts weiß ich über den Libanon, aber plötzlich kommt alles so bekannt vor. Wir teilen Zigaretten, bis Alaa die Situation rettet. "Weißt du, was die beste Definition der Wahlen im Libanon ist?", fragt er. Dann reicht er mir sein Smartphone. Darauf lese ich, aus dem Urban Dictionary: "Die Wahlen im Libanon sind ein soziales Event, das alle vier oder neun Jahre an einem Sonntag stattfindet. Man trifft sich, um denjenigen seine Stimme zu geben, die man schon immer gewählt hat, und geht dann auseinander, um sich die nächsten vier oder neun Jahre darüber zu beschweren. Beispielsatz: Ashley, lass uns Schluss machen, unsere Beziehung ist so hoffnungslos wie libanesische Wahlen!" Alaa steckt die Hände in die Taschen und schaut mich fragend an: Verstehst du?

Dieser stille, kleine Alaa, beschließe ich, soll mein Kompass sein während meiner Zeit in diesem chaotischen, alle Sinne überreizenden, an Schönheit überbordenden, so laut leidenden und feiernden Beirut, Arabiens Hafen der Liberalität, umbrandet vom Krieg.

Am Sonntag finden zum ersten Mal seit neun Jahren wieder Parlamentswahlen im Libanon statt. Theoretisch sollte alle vier Jahre gewählt werden, aber der Termin ist zuletzt immer wieder verschoben worden mit der Begründung, die politische Situation sei momentan zu instabil. Wegen des schwelenden Konflikts mit Israel zum Beispiel, dem Nachbarn im Süden, der gerade eine Mauer an der Grenze errichtet. Wieder soll Zement regeln, was die Diplomatie nicht schaffte, ungeklärte Besitzansprüche drohen sprichwörtlich betoniert zu werden.

Der Premier ist kein guter Lügner

Instabil ist die Lage auch deshalb, weil Saudi-Arabien sein Geld aus dem Land abzieht, eine Wirtschaftskrise ist die Folge. Die Saudis – sunnitische Muslime – sind unzufrieden, weil Premierminister Saad Hariri mit der Hisbollah regiert – schiitische Muslime, die vom Erzfeind Iran unterstützt werden. Vergangenes Jahr kidnappte der saudische Prinz den libanesischen Premier kurzerhand. Per inszeniertem Fernsehinterview erklärte der seinen konsternierten Bürgern zu Hause, er trete zurück. Saad ist kein guter Lügner, die Bürger durchschauten den Trick. "Wir warten auf dich", schrieben sie auf Transparente, Plakate, T-Shirts und Mützen. Hashtag We're so Saad – ein trauriger Witz einte das Land. Als er zwei Wochen später nach Beirut zurückkehren durfte, erklärte er den Rücktritt vom Rücktritt.

Ein weiterer Faktor der Instabilität: Das politische System ist konfessionell geprägt. Der Premier muss ein Sunnit sein. Der Parlamentspräsident ein Schiit. Der Präsident ein Christ. Die Hälfte der Sitze im Parlament geht an Christen, die andere Hälfte an Muslime. Dabei stimmt die Relation schon lang nicht mehr. Den Angehörigen 18 verschiedener Religionen, Konfessionen, Nationalitäten versucht man gerecht zu werden. Der Versuch unabhängiger Kandidaten, hier Fuß zu fassen, scheiterte. Unter anderem, weil die meisten Medien unter der Kontrolle der Regierung stehen und die neuen Kandidaten, darunter so viele Frauen wie noch nie, schlichtweg ignorieren.

Das System ähnelt einer Intensivstation, alles Leben hängt am Tropf der Konfessionen.

Kampf um die billigen Plätze in der Gesellschaft

Was jedoch am meisten Instabilität erzeugt, ist der Krieg im benachbarten Syrien. Etwa zwei Millionen Syrer haben in den vergangenen Jahren ihr Leben zu Hause aufgegeben und sind im kleinen Libanon, mit seinen kaum vier Millionen Einwohnern, gestrandet.

Die schiitische Hisbollah, die als Partei im libanesischen Parlament sitzt und eine eigene Armee unterhält, fuhr in die entgegengesetzte Richtung, um die sunnitischen Terroristen des "Islamischen Staats" zu bekämpfen. Konvois der Hisbollah wurden in Syrien von israelischen Raketen getroffen – der Vergeltungsschlag blieb bisher aus, wieder hängt der Frieden am seidenen Faden.

Aber, hey! Immerhin mal wieder Wahlen. Eine kleine Erinnerung daran, dass man ja doch in einer Demokratie lebt. Beirut ist mit Wahlplakaten zugepflastert, die Parteien fahren mit bunt beklebten und fahnengeschmückten Lautsprecherwagen durch die Straßen. Was die Freude über die Wahlen am meisten trübt, sind die Katastrophen überall in der Nachbarschaft, die den Libanesen eine unmenschliche Aufgabe aufbürden: das Flüchtlingscamp des Nahen Ostens geworden zu sein. Denn die neuen Flüchtlinge aus Syrien kämpfen nun um die billigen Plätze in der Gesellschaft mit den palästinensischen Flüchtlingen der vergangenen Kriege.