Die israelische Armee hat den Palästinensern im Gazastreifen "beispiellose Gewalt" vorgeworfen. Bei den Protesten an der Grenze zu Israel seien die Palästinenser mit Schusswaffen, Brandflaschen oder Sprengsätzen gegen israelische Kräfte vorgegangen, teilte der israelische Militärsprecher Ronen Manelis mit. Es habe auch Versuche gegeben, Soldaten zu entführen.

Israels Regierung sieht in den Protesten den Versuch der im Gazastreifen herrschenden Hamas, Anschläge auf israelische Ortschaften nahe der Grenze zu verüben – und dafür den Deckmantel friedlicher Proteste zu nutzen. So habe die Hamas vielen Familien 100 Dollar für eine Teilnahme an den Demonstrationen gezahlt, Unwillige seien gezwungen worden, sagte Manelis weiter. Es sei jedoch keinem der 40.000 Demonstranten gelungen, die Grenze zu Israel überqueren.

Auch die USA sehen die Verantwortung für die Todesfälle am Gazastreifen "direkt bei der Hamas". Die radikalislamische Palästinenserorganisation habe die "schreckliche Situation" auf zynische Weise ausgenutzt, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Raj Shah. Israel habe daher das Recht nutzen müssen, sich zu verteidigen.

Auf der Seite der Palästinenser wird hingegen das gewaltsame Vorgehen der israelischen Armee verurteilt. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich in der Nacht: Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza sind mindestens 58 Menschen erschossen worden. Zudem seien mehr als 2.400 Menschen verletzt worden, darunter Hunderte durch Schüsse. Damit war es der Tag mit den meisten Toten seit dem Gaza-Krieg 2014.

Die Palästinensische Autonomiebehörde fordert deshalb eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Dabei gehe es um Schutz für das palästinensische Volk unter israelischer Besatzung, sagte der Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, Saeb Erekat. Auf Antrag von Kuwait will der UN-Sicherheitsrat bereits am Dienstag über die Lage in Israel beraten.

"Donald Trump hat Geschichte geschrieben"

Anlass der Ausschreitungen am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels ist die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. Diese wurde am Montagnachmittag feierlich eröffnet, an der Zeremonie nahmen US-Finanzminister Steven Mnuchin sowie Donald Trumps Tocher Ivanka Trump und ihr Ehemann Jared Kushner teil. US-Präsident Trump sagte in einer Videobotschaft, dass Israel wie "jede andere souveräne Nation" selbst über seine Hauptstadt entscheiden dürfe. Zugleich versicherte er, ein Friedensschluss im Nahen Osten sei seine "größte Hoffnung".

Israels Präsident Reuven Rivlin und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dankten Trump erneut für die Verlegung der Botschaft. Er habe "durch die Anerkennung von Geschichte selbst Geschichte geschrieben", sagte Netanjahu. Jerusalem werde die "ewige und ungeteilte Hauptstadt des jüdischen Volkes" und Israels bleiben.

Die Verlegung der Botschaft und die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels löste bei den Palästinensern Empörung aus. Sie betrachten Ostjerusalem als Hauptstadt eines künftigen eigenen Staates. Im Gazastreifen begann daher am Montag ein Generalstreik; Geschäfte, Schulen und Universitäten blieben geschlossen. Alle politischen Fraktionen einschließlich der radikalislamischen Hamas hatten zum Streik aufgerufen. Jugendliche verbrannten Reifen auf Kreuzungen von Hauptstraßen. Busse sammelten Menschen ein, um sie zur Grenze zu bringen. Über Moscheelautsprecher wurde zur Teilnahme an den Massenprotesten aufgerufen.

Demonstrationen sollen am Dienstag weitergehen

Israel hatte angekündigt, die Grenzsicherungsanlagen an seiner Südgrenze um jeden Preis zu verteidigen. Die Soldatinnen und Soldaten hätten dazu auch das Recht, auf Palästinenser zu schießen. Israel sei dazu berechtigt, seine Grenzen zu verteidigen, teilte die Regierung mit. Am Montagnachmittag reagierte das israelische Militär auch mit Luftangriffen auf die Ausschreitungen im Gazastreifen. Nach Angaben der Armee wurden fünf Stellungen der Hamas angegriffen.

Die Organisatoren der Proteste im Gazastreifen haben die Demonstranten für Montag zunächst zurückgerufen, es soll jedoch am Dienstag weitergehen. Dann begehen die Palästinenser den sogenannten "Tag der Katastrophe": Damit erinnern sie an die Flucht und Vertreibung Hunderttausender Palästinenser im Jahr 1948. Die PLO rief deshalb auch für Dienstag einen Generalstreik aus.